Der Berner schnitt die Ringe, als wär’ es faules Stroh;
Zum erstenmal im Leben sah man, dass Siegfried floh.
Da jagt’ ihn durch die Rosen der Berner unverzagt; 55
Nun säumte sich nicht länger die kaiserliche Magd.
Sie sprang von ihrem Sitze, ein Kleid sie von sich schwang,
Kriemhild in grosser Eile hin durch die Rosen drang.
Da rief mit lauter Stimme die Königstochter hehr:
“Nun lasst von Eurem Streite, Dietrich, ich fleh’ Euch sehr. 60
Steht ab um meinetwillen, und lasst das Kämpfen sein;
Euch ist der Sieg geworden zu Worms an dem Rhein.”
Da tat der Vogt von Berne, als hätt’ er’s nicht gehört,
Er schlug mit seinem Schwerte, schier hätt’ er ihn betört.
Er hörte nichts von allem, was die Königstochter sprach, 65
Bis er dem kühnen Siegfried vollends den Helm zerbrach.
Wie viel man der Stühle zwischen die Streiter warf,
Die zerhieb der Berner mit seinem Schwert so scharf.
Da warf sie ihren Schleier über den kühnen Degen;
So dachte sie dem Gatten zu fristen Leib und Leben. 70
Da sprach die Königstochter: “Bist du ein Biedermann,
So lass ihn des geniessen, dass er meine Huld gewann.”
Da sprach der Held von Berne: “Die Rede lasset sein;
Wessen Ihr mich bittet, zu allem sag’ ich nein.
Euch Ritter und euch Frauen, ich bring’ euch all’ in Not; 75
Ihr müsst vor mir ersterben, da Hildebrand ist tot.”
Alles, was im Garten war, wollt’ er erschlagen,
Dietrich in seinem Zorne, wie wir hören sagen.
Hildebrand der alte tat als ein Biedermann,
Er sprang in den Garten und rief seinen Herren an. 80
Er sprach: “Lieber Herre, lasst ab von Eurem Zorn;
Ihr habt den Sieg gewonnen, nun bin ich neu geborn.”
Dietrich der kühne sah Hildebranden an,
Da erweicht’ ihm sein Gemüte, da er stehen sah den Mann.
Der Berner liess sein Toben, er küsst’ ihn auf den Mund; 85
“Gott will ich heute loben, dass du noch bist gesund;
Sonst hätte nicht verfangen ihr Flehen insgemein;
Um Siegfried war’s ergangen: das schuf das Sterben dein.
Nun lass’ ich von dem Harme, da Hildbrand ist gesund.”
Da schlug die Königstochter sich selber auf den Mund. 90
Da sprach Frau Kriemhild: “Ihr seid ein biedrer Mann,
Dem man seinesgleichen in der Welt nicht finden kann.”
Auf setzte sie dem Berner ein Rosenkränzelein,
Ein Halsen und ein Küssen gab ihm das Mägdelein.
Sie sprachen einhellig: “Das mag man Euch gestehn, 95
Es ward in allen Reichen kein Mann wie Ihr gesehn.”
Siegfried dem kühnen man zu Hilfe kam,
Sie führten ins Gestühle den Degen lobesam.
Man zog ihm ab den Harnisch, dem kühnen Weigand;
Da verbanden ihm die Wunden die Frauen allzuhand. 100
Public-domain text, read in full here on John Shaqi.
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