Die worte vnd Syllaben in gewisse gesetze zue dringen, vnd verse zue
schreiben ist das allerwenigste was in einem Poeten zue suchen ist. Er
muss εὐφαντασιωτός [Greek: euphantasiôtos],[2] von sinnreichen einfällen
vnd erfindungen sein, muss ein grosses vnverzagtes gemüte haben, muss
hohe sachen bey sich erdencken können, soll anders[3] seine rede eine
art kriegen, vnd von der erden empor steigen. Ferner so schaden auch dem
gueten nahmen der Poeten nicht wenig die jenigen, welche mit jhrem
vngestümen ersuchen auff alles was sie thun vnd vorhaben verse fodern.
Es wird kein buch, keine hochzeit, kein begräbnüss ohn vns gemacht; vnd
gleichsam als niemand köndte alleine sterben, gehen vnsere gedichte
zuegleich mit jhnen vnter. Mann wil vns auff allen Schüsseln vnd kannen
haben, wir stehen an wänden vnd steinen,[4] vnd wann einer ein Hauss ich
weiss nicht wie an sich gebracht hat, so sollen wir es mit vnsern Versen
wieder redlich machen. Dieser begehret ein Lied auff eines andern Weib,
jenem hat von des nachbaren Magdt getrewrnet, einen andern hat die
vermeinte Bulschafft ein mal freundtlich angelacht, oder, wie dieser
Leute gebrauch ist, viel mehr aussgelacht; ja des närrischen ansuchens
ist kein ende. Müssen wir also entweder durch abschlagen jhre
feindschafft erwarten, oder durch willfahren den würden der Poesie einen
mercklichen abbruch thun. Denn ein Poete kan nicht schreiben wenn er
will, sondern wenn er kann, vnd jhn die regung des Geistes, welchen
Ovidius vnnd andere vom Himmel her zue kommen vermeinen, treibet....
Vnd muss ich nur bey hiesiger gelegenheit ohne schew dieses errinnern,
das ich es für eine verlorene arbeit halte, im fall sich jemand an
vnsere deutsche Poeterey machen wolte, der, nebenst dem das er ein Poete
von natur sein muss, in den griechischen vnd Lateinischen büchern nicht
wol durchtrieben ist, vnd von jhnen den rechten grieff erlernet hat; das
auch alle die lehren, welche sonsten zue der Poesie erfodert werden, vnd
ich jetzund kürzlich berühren wil, bey jhm nichts verfangen können....
Nachmals ist auch ein jeder verss entweder ein _iambicus_ oder
_trochaicus_; nicht zwar das wir auff art der griechen vnnd lateiner
eine gewisse grösse der sylben können inn acht nemen; sondern das wir
aus den accenten vnnd dem thone erkennen, welche sylbe hoch vnnd welche
niedrig gesetzt werden soll. Ein Jambus ist dieser: _Erhalt vns Herr bey
deinem Wort_; der folgende ein Trocheus: _Mitten wir im leben sind_.
Dann in dem ersten verse die erste sylbe niedrig, die andere hoch, die
dritte niedrig, die vierde hoch, vnd so fortan; in dem anderen verse die
erste sylbe hoch, die andere niedrig, die dritte hoch, u.s.w.
aussgesprochen werden. Wiewol nun meines wissens noch niemand, ich auch
vor der zeit selber nicht, dieses genawe in acht genommen, scheinet es
doch so hoch von nöthen zue sein, als hoch von nöthen ist, das die
Lateiner nach den _quantitatibus_ oder grössen der sylben jhre verse
richten vnd reguliren.
Public-domain text, read in full here on John Shaqi.
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