Was ist die Welt, und ihr berühmtes Gläntzen?
Was ist die Welt und ihre gantze Pracht?
Ein schnöder Schein in kurtzgefasten Grentzen,
Ein schneller Blitz, bey schwarzgewölckter Nacht;
Ein bundtes Feld, da Kummerdisteln grünen; 5
Ein schön Spital, so voller Kranckheit steckt.
Ein Sclavenhauss, da alle Menschen dienen,
Ein faules Grab, so Alabaster deckt.
Das ist der Grund, darauff wir Menschen bauen,
Und was das Fleisch für einen Abgott hält. 10
Komm, Seele, komm, und lerne weiter schauen,
Als sich erstreckt der Zirckel dieser Welt.
Streich ab von dir derselben kurtzes Prangen,
Halt ihre Lust für eine schwere Last.
So wirst du leicht in diesen Port gelangen, 15
Da Ewigkeit und Schönheit sich umbfast.
+2+
+Die Wollust.+
Die Wollust bleibet doch der Zucker dieser Zeit,
Was kan uns mehr, denn sie, den Lebenslauf versüssen?
Sie lässet trinckbar Gold in unsre Kehle fliessen,
Und öffnet uns den Schatz beperlter Liebligkeit,
In Tuberosen kan sie Schnee und Eiss verkehren, 5
Und durch das gantze Jahr die Frühlings-Zeit gewehren.
Es schaut uns die Natur als rechte Kinder an,
Sie schenckt uns ungespart den Reichthum ihrer Brüste,
Sie öffnet einen Saal voll zimmetreicher Lüste,
Wo aus des Menschen Wunsch Erfüllung quellen kan. 10
Sie legt als Mutter uns die Wollust in die Armen,
Und lässt durch Lieb und Wein den kalten Geist erwarmen.
Nur das Gesetze wil allzu tyrannisch seyn,
Es zeiget iederzeit ein widriges Gesichte,
Es macht des Menschen Lust und Freyheit gantz zunichte, 15
Und flöst für süssen Most uns Wermuthtropffen ein;
Es untersteht sich uns die Augen zu verbinden,
Und alle Liebligkeit aus unser Hand zu winden.
Die Ros’ entblösset nicht vergebens ihre Pracht,
Jessmin will nicht umsonst uns in die Augen lachen, 20
Sie wollen unser Lust sich dienst- und zinsbar machen,
Der ist sein eigen Feind, der sich zu Plagen tracht;
Wer vor die Schwanenbrust ihm Dornen will erwehlen,
Dem muss es an Verstand und reinen Sinnen fehlen.
Was nutzet endlich uns doch Jugend, Krafft und Muth, 25
Wenn man den Kern der Welt nicht reichlich will genüssen,
Und dessen Zucker-Strom lässt unbeschifft verschüssen?[1]
Die Wollust bleibet doch der Menschen höchstes Gut,
Wer hier zu Seegel geht, dem wehet das Gelücke
Und ist verschwenderisch mit seinem Liebesblicke. 30
Wer Epicuren nicht für seinen Lehrer hält,
Der hat den Welt-Geschmack und allen Witz verloren,
Es hat ihr die Natur als Stiefsohn ihn erkoren,
Er mus ein Unmensch seyn und Scheusal dieser Welt;
Der meisten Lehrer Wahn erregte Zwang und Schmertzen, 35
Was Epicur gelehrt, das kitzelt noch die Hertzen.
[Notes:
1: _Verschüssen_ = _verfliessen_.]
+3+
+Die Tugend.+
Public-domain text, read in full here on John Shaqi.
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