[Notes:
4: Published in the aforementioned collection _Von deutscher Art
und Kunst_ (1773). See Suphan’s Herder, Vol. 5, page 208.]
5
_From ‘Auch eine Philosophie’: The Middle Ages and the Age of
Reason._[5]
Die dunkeln Seiten dieses Zeitraums [des Mittelalters] stehen in allen
Büchern: jeder klassische Schöndenker, der die Polizierung unsres
Jahrhunderts fürs _non plus ultra_ der Menschheit hält, hat Gelegenheit
ganze Jahrhunderte auf Barbarei, elendes Staatsrecht, Aberglauben und
Dummheit, Mangel der Sitten und Abgeschmacktheit--in Schulen, in
Landsitzen, in Tempeln, in Klöstern, in Rathäusern, in Handwerkszünften,
in Hütten und Häusern zu schmälen und über das Licht unsres
Jahrhunderts, das ist, über seinen Leichtsinn und Ausgelassenheit, über
seine Wärme in Ideen und Kälte in Handlungen, über seine scheinbare
Stärke und Freiheit, und über seine wirkliche Todesschwäche und
Ermattung unter Unglauben, Despotismus und Üppigkeit zu lobjauchzen.
Davon sind alle Bücher unsrer Voltäre und Hume, Robertsons und Iselins
voll, und es wird ein so schön Gemälde, wie sie die Aufklärung und
Verbesserung der Welt aus den trüben Zeiten des Deismus und Despotismus
der Seelen, d.i. zu Philosophie und Ruhe herleiten--dass dabei jedem
Liebhaber seiner Zeit das Herz lacht....
Dass es jemanden in der Welt unbegreiflich wäre, wie Licht die Menschen
nicht nährt! Ruhe und Üppigkeit und sogenannte Gedankenfreiheit nie
allgemeine Glückseligkeit und Bestimmung sein kann! Aber Empfindung,
Bewegung, Handlung--wenn auch in der Folge ohne Zweck (was hat auf der
Bühne der Menschheit ewigen Zweck?), wenn auch mit Stössen und
Revolutionen, wenn auch mit Empfindungen, die hie und da schwärmerisch,
gewaltsam, gar abscheulich werden--als Werkzeug in den Händen des
Zeitlaufs, welche Macht! welche Wirkung! Herz und nicht Kopf genährt!
mit Neigungen und Trieben alles gebunden, nicht mit kränkelnden
Gedanken! Andacht und Ritterehre, Liebeskühnheit und
Bürgerstärke--Staatsverfassung und Gesetzgebung, Religion. --Ich will
nichts weniger als die ewigen Völkerzüge und Verwüstungen,
Vasallenkriege und Befehdungen, Mönchsheere, Wallfahrten, Kreuzzüge
verteidigen; nur erklären möchte ich sie: wie in allem doch Geist
hauchet! Gährung menschlicher Kräfte! Grosse Kur der ganzen Gattung
durch gewaltsame Bewegung, und wenn ich so kühn reden darf, das
Schicksal zog, (allerdings mit grossem Getöse, und ohne dass die
Gewichte da ruhig hangen konnten,) die grosse abgelaufene Uhr auf! Da
rasselten also die Räder!
[Notes:
5: The booklet _Auch eine Philosophie der Geschichte zur Bildung
der Menschheit_ was published in 1774. See Suphan’s Herder,
Vol. 5, page 475.]
+LXXIV. JOHANN WOLFGANG GOETHE+
Public-domain text, read in full here on John Shaqi.
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