Eine wunderbare Heiterkeit hat meine ganze Seele eingenommen, gleich den
süssen Frühlingsmorgen, die ich mit ganzem Herzen geniesse. Ich bin
allein und freue mich meines Lebens in dieser Gegend, die für solche
Seelen geschaffen ist wie die meine. Ich bin so glücklich, mein Bester,
so ganz in dem Gefühle von ruhigem Dasein versunken, dass meine Kunst
darunter leidet. Ich könnte jetzt nicht zeichnen, nicht einen Strich,
und bin nie ein grösserer Maler gewesen als in diesen Augenblicken. Wenn
das liebe Tal um mich dampft, und die hohe Sonne an der Oberfläche der
undurchdringlichen Finsternis meines Waldes ruht, und nur einzelne
Strahlen sich in das innere Heiligtum stehlen, ich dann im hohen Grase
am fallenden Bache liege, und näher an der Erde tausend mannichfaltige
Gräschen mir merkwürdig werden; wenn ich das Wimmeln der kleinen Welt
zwischen Halmen, die unzähligen unergründlichen Gestalten der Würmchen,
der Mückchen näher an meinem Herzen fühle, und fühle die Gegenwart des
Allmächtigen, der uns nach seinem Bilde schuf, das Wehen des
Allliebenden, der uns in ewiger Wonne schwebend trägt und erhält; mein
Freund! wenn’s dann um meine Augen dämmert, und die Welt um mich her und
der Himmel ganz in meiner Seele ruhen wie die Gestalt einer Geliebten;
dann sehne ich mich oft und denke: ach könntest du das wieder
ausdrücken, könntest du dem Papiere das einhauchen, was so voll, so warm
in dir lebt, dass es würde der Spiegel deiner Seele, wie deine Seele ist
der Spiegel des unendlichen Gottes! --Mein Freund-- Aber ich gehe
darüber zu Grunde, ich erliege unter der Gewalt der Herrlichkeit dieser
Erscheinungen.
_Homer as an anodyne for a sick heart._
Am 13. Mai.
Du fragst, ob du mir meine Bücher schicken sollst? --Lieber, ich bitte
dich um Gottes willen, lass mir sie vom Halse! Ich will nicht mehr
geleitet, ermuntert, angefeuert sein, braust doch dieses Herz genug aus
sich selbst; ich brauche Wiegengesang, und den habe ich in seiner Fülle
gefunden in meinem Homer. Wie oft lull’ ich mein empörtes Blut zur Ruhe,
denn so ungleich, so unstät, hast du nichts gesehen als dieses Herz.
Lieber! brauch’ ich dir das zu sagen, der du so oft die Last getragen
hast, mich vom Kummer zur Ausschweifung und von süsser Melancholie zur
verderblichen Leidenschaft übergehen zu sehen? Auch halte ich mein
Herzchen wie ein krankes Kind; jeder Wille wird ihm gestattet. Sage das
nicht weiter, es gibt Leute, die mir es verübeln würden.
_Werther excited by the reading of Ossian._
Am 12. October.
Public-domain text, read in full here on John Shaqi.
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