Es pflegten sie drei Könige, edel und reich, 5
Gunter und Gernot, die Recken ohnegleich,
Und Geiselher der junge, ein auserwählter Degen;
Sie war ihre Schwester, die Fürsten hatten sie zu pflegen.
Die Herren waren milde, dazu von hohem Stamm,
Unmassen kühn von Kräften, die Recken lobesam. 10
Nach den Burgunden war ihr Land genannt:
Sie schufen starke Wunder noch seitdem in Etzels Land.
Zu Worms am Rheine wohnten die Herren in ihrer Kraft.
Von ihren Landen diente viel stolze Ritterschaft
Mit rühmlichen Ehren all ihres Lebens Zeit, 15
Bis jämmerlich sie starben durch zweier edeln Frauen Streit.
In ihren hohen Ehren träumte Kriemhilden,
Sie zög’ einen Falken, stark-, schön- und wilden,
Den griffen ihr zwei Aare, dass sie es mochte sehn;
Ihr konnt’ auf dieser Erde grösser Leid nicht geschehn. 20
Sie sagt’ ihrer Mutter den Traum, Frau Uten;
Die wusst’ ihn nicht zu deuten als so der guten:
“Der Falke, den du ziehest, das ist ein edler Mann;
Ihn wolle Gott behüten, sonst ist es bald um ihn getan.”
“Was sagt Ihr mir vom Manne, vielliebe Mutter mein? 25
Ohne Reckenminne will ich immer sein;
So schön will ich verbleiben bis an meinen Tod,
Dass ich von Mannesminne nie gewinnen möge Not.”
“Verred’ es nicht so völlig,” die Mutter sprach da so,
“Sollst du je auf Erden von Herzen werden froh, 30
Das geschieht von Mannesminne; du wirst ein schönes Weib,
Will Gott dir noch vergönnen eines guten Ritters Leib.”[2]
“Die Rede lasst bleiben, vielliebe Mutter mein.
Es hat an manchen Weiben[3] gelehrt der Augenschein,
Wie Liebe mit Leide am Ende gerne lohnt; 35
Ich will sie meiden beide, so bleib’ ich sicher verschont.”
Kriemhild in ihrem Mute hielt sich von Minne frei.
So lief noch der guten manch lieber Tag vorbei,
Dass sie niemand wusste, der ihr gefiel zum Mann,
Bis sie doch mit Ehren einen werten Recken gewann. 40
Das war derselbe Falke, den jener Traum ihr bot,
Den ihr beschied die Mutter. Ob seinem frühen Tod
Den nächsten Anverwandten wie gab sie blut’gen Lohn!
Durch dieses Einen Sterben starb noch mancher Mutter Sohn.
[Notes:
1: Some of the manuscripts divide the poem into sections, each one
of which is called an _aventiure_, or ‘adventure.’
2: M.H.G. _lîp_, modern _Leib_, meant ‘body,’ ‘person,’ ‘self.’
With a genitive it is often pleonastic and untranslatable. _Eines
guten Ritters Leib_ = _einen guten Ritter_.
3: Archaic for _Weibern_ for the sake of the medial rime with
_bleiben_. Now and then a stanza has medial as well as final
rimes.]
_From Adventure 5: Having lived a whole year at Worms as the
guest-friend of King Gunter, Siegfried at last sees the maid he came
to woo._
Public-domain text, read in full here on John Shaqi.
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