Da liess der reiche König mit seiner Schwester gehn
Hundert seiner Recken, zu ihrem Dienst ersehn
Und dem ihrer Mutter, die Schwerter in der Hand:
Das war das Hofgesinde in der Burgunden Land.
Ute die reiche sah man mit ihr kommen, 5
Die hatte schöner Frauen sich zum Geleit genommen
Hundert oder drüber, geschmückt mit reichem Kleid;
Auch folgte Kriemhilden manche waidliche[4] Maid.
Aus einer Kemenate sah man sie alle gehn.
Da musste heftig Drängen von Helden bald geschehn, 10
Die alle harrend standen, ob es möchte sein,
Dass sie da fröhlich sähen dieses edle Mägdelein.
Da kam die Minnigliche, wie das Morgenrot
Tritt aus trüben Wolken. Da schied von mancher Not,
Der sie im Herzen hegte, was lange war geschehn. 15
Er sah die Minnigliche nun gar herrlich vor sich stehn.
Von ihrem Kleide leuchtete gar mancher edle Stein,
Ihre rosenrote Farbe gab minniglichen Schein.
Was jemand wünschen mochte, er musste doch gestehn,
Dass er hier auf Erden noch nichts so Schönes gesehn. 20
Wie der lichte Vollmond vor den Sternen schwebt,
Des Schein so hell und lauter sich aus den Wolken hebt,
So glänzte sie in Wahrheit vor andern Frauen gut;
Das mochte wohl erhöhen den zieren Helden den Mut.
Die reichen Kämmerlinge schritten vor ihr her, 25
Die hochgemuten Degen liessen es nicht mehr:
Sie drängten, dass sie sähen die minnigliche Maid;
Siegfried dem Degen war es lieb und wieder leid.
Er sann in seinem Sinne: “Wie dacht’ ich je daran,
Dass ich dich minnen sollte? das ist ein eitler Wahn. 30
Soll ich dich aber meiden, so wär’ ich sanfter[5] tot.”
Er ward von Gedanken oft bleich und oft wieder rot.
Da sah man den Sieglindensohn so minniglich da stehn,
Als wär’ er entworfen auf einem Pergamen
Von guten Meisters Händen; gern man ihm zugestand, 35
Dass man nie im Leben so schönen Helden noch fand.
Die mit Kriemhilden gingen, die hiessen aus den Wegen
Allenthalben weichen; dem folgte mancher Degen.
Die hochgetrag’nen Herzen freute man sich zu schaun;
Man sah in hohen Züchten viel der herrlichen Fraun. 40
Da sprach von Burgunden der König Gernot:
“Dem Helden, der so gütlich Euch seine Dienste bot,
Gunter, lieber Bruder, dem bietet hier den Lohn
Vor allen diesen Recken. Des Rates spricht man mir nicht Hohn.
Heisset Siegfrieden zu meiner Schwester kommen, 45
Dass ihn das Mägdlein grüsse; das bringt uns immer Frommen.
Die niemals Recken grüsste, soll sein mit Grüssen pflegen,
Dass wir uns so gewinnen diesen zierlichen Degen.”
Public-domain text, read in full here on John Shaqi.
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