Nun wohlan, wollt ihr Beweise schauen:
Gehn wir zu des Maien Lustbereiche,
Der ist mit seinem ganzen Heere da.
Schauet ihn und schauet edle Frauen,
Was dem andern wohl an Schönheit weiche. 25
Ob ich mir nicht das bessre Teil ersah.
Ja, wenn mich einer wählen hiesse,
Dass ich eines für das andre liesse,
Ach, wie so bald entschied’ ich mich:
Herr Mai, ihr müsstet Jänner sein, 30
eh’ ich von meiner Herrin wich’.
+3+
+Schönheit und Tugend.+
Heil sei der Stunde, da sie mir erschienen,
Die mir den Leib und die Seele bezwungen!
Alle Gedanken ihr einziglich dienen;
Das ist mit Güte der Guten gelungen.
Dass ich nicht lassen und meiden sie kann,
Hat ihre Schönheit und Güte vollbracht
Und ihr roter Mund, der so wonniglich lacht.
Seele und Sinne, die hab’ ich gewendet
Auf die Vielreine, die Liebe, die Gute.
Werde uns beiden noch lieblich vollendet,
Was zu gewähren sie hold mir geruhte!
Was ich an Freude auf Erden gewann,
Hat ihre Schönheit und Güte vollbracht
Und ihr roter Mund, der so wonniglich lacht.
+4+
+Das Tröstelein+
In einem zweifelvollen Wahn
War ich gesessen und gedachte
Zu lassen ihren Dienst fortan,
Als mich ein Trost ihr wiederbrachte.
Trost mag es wohl nicht heissen, denn zur Stund’
Ist es ja kaum ein kleines Tröstelein,
So klein, wenn ich’s euch sag’, ihr spottet mein.
Doch Freude ist erlaubt auch aus geringem Grund.
Mich hat ein Halm gemachet froh,
Der sagt, ich solle Gnade finden.
Ich mass dasselbe kleine Stroh,
Wie ich zuvor es sah bei Kinden.
Nun höret denn und merket wohl, ob sie es tu’:
“Sie tut, tut’s nicht, sie tut, tut’s nicht, sie tut.”
Wie oft ich mass, so war noch je das Ende gut.
Das tröstet mich, doch da gehöret Glaube zu.
Wie lieb sie mir von Herzen sei,
So kann ich es gar wohl noch leiden,
Zählt sie mich nur den Besten bei;
Ich darf ihr Werben ihr nicht neiden.
Wie ich es kann erkennen, glaub’ ich nicht,
Dass sie ein andrer wankend machen möge;
Ich wollte, die Getäuschten sähn, dass Wahn sie tröge,
Denn allzulange schon hört sie auf jeden Wicht.
+5+
+Wert der Minne.+
Was soll ein Mann, der nicht begehrt
Zu werben um ein reines Weib?
Bleibt er von ihr auch unerhört,
Es hebt ihm Seele doch und Leib.
Er tu’ um Einer willen so, 5
Dass er den andern wohlbehagt,
Dann macht ihn wohl die Eine froh,
Wenn sich die Andre ihm versagt.
Des achte, wenn er liebt, der Mann,
Viel Glück und Ehre liegt daran. 10
Wer guten Weibes Minne hat,
Der schämt sich keiner Missetat.
+6+
+Doppelzüngigkeit.+[1]
Public-domain text, read in full here on John Shaqi.
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