108. EINE FRÜHLINGSNACHT
Im Zimmer drinnen ist's so schwül;
Der Kranke liegt auf dem heißen Pfühl.
Im Fieber hat er die Nacht verbracht;
Sein Herz ist müde, sein Auge verwacht.
Er lauscht auf der Stunden rinnenden Sand; 5
Er hält die Uhr in der weißen Hand.
Er zählt die Schläge, die sie pickt,
Er forschet, wie der Weiser rückt;
Es fragt ihn, ob er noch leb' vielleicht,
Wenn der Weiser die schwarze Drei erreicht. 10
Die Wartfrau sitzet geduldig dabei,
Harrend, bis alles vorüber sei.--
Schon auf dem Herzen drückt ihn der Tod;
Und draußen dämmert das Morgenrot.
An die Fenster klettert der Frühlingstag, 15
Mädchen und Vögel werden wach.
Die Erde lacht in Liebesschein,
Pfingstglocken läuten das Brautfest ein;
Singende Burschen ziehn übers Feld
Hinein in die blühende, klingende Welt.-- 20
Und immer stiller wird es drin;
Die Alte tritt zum Kranken hin.
Der hat die Hände gefaltet dicht;
Sie zieht ihm das Laken übers Gesicht.
Dann geht sie fort. Stumm wird's und leer, 25
Und drinnen wacht kein Auge mehr.
* * * * *
109. APRIL
Das ist die Drossel, die da schlägt,
Der Frühling, der mein Herz bewegt.
Ich fühle, die sich hold bezeigen,
Die Geister aus der Erde steigen.
Das Leben fließet wie ein Traum-- 5
Mir ist wie Blume, Blatt und Baum.
* * * * *
110. MAI
Die Kinder schreien Vivat hoch!
In die blaue Luft hinein;
Den Frühling setzen sie ans den Thron.
Der soll ihr König sein.
* * * * *
Die Kinder haben die Veilchen gepflückt, 5
All, all, die da blühten am Mühlengraben.
Der Lenz ist da; sie wollen ihn fest
In ihren kleinen Fäusten haben.
* * * * *
111. ELISABETH
Meine Mutter hat's gewollt,
Den andern ich nehmen sollt';
Was ich zuvor besessen,
Mein Herz sollt es vergessen;
Das hat es nicht gewollt. 5
Meine Mutter klag' ich an,
Sie hat nicht wohl getan;
Was sonst in Ehren stünde,
Nun ist es worden Sünde.
Was fang' ich an? 10
Für all mein Stolz und Freud'
Gewonnen hab' ich Leid.
Ach, wär' das nicht geschehen,
Ach, könnt' ich betteln gehen
Über die braune Heid'! 15
* * * * *
112. FRAUENHAND
Ich weiß es wohl, kein klagend Wort
Wird über deine Lippen gehen;
Doch was so sanft dein Mund verschweigt,
Muß deine blasse Hand gestehen.
Die Hand, an der mein Auge hängt, 5
Zeigt jenen feinen Zug der Schmerzen,
Und daß in schlummerloser Nacht
Sie lag auf einem kranken Herzen.
* * * * *
113. SCHLIESSE MIR DIE AUGEN BEIDE
Public-domain text, read in full here on John Shaqi.
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