Der Bauer möchte werden Knecht,
Dünkt ihm einmal das Leben schlecht;
Der Knecht, der wäre gern ein Bauer,
Dünkt ihm einmal das Leben sauer.
Der Pfaffe möchte Ritter wesen, 5
Langweilt es ihm, sein Buch zu lesen;
Sehr gern der Ritter Pfaffe wär’,
Wenn er den Sattel räumt dem Speer.
Der Kaufmann, kommt er in die Not,
Sagt: “Weh und ach, o wär’ ich tot! 10
Mir ist ein elend Los gegeben.
Der Werkmann hat ein gutes Leben;
Er bleibt zu Hause, sel’ger Mann,
Da ich, der ich nicht werken kann,
Muss fahren immer hin und her 15
Und leiden Mühsal hart und schwer.”
Der Werkmann sagt: “Wie wonniglich
Lebt doch der Kaufmann! Während ich
Mich nachts mit harter Arbeit plag’,
Schläft ja der Kaufmann, wenn er mag.” 20
Was diesem lieb, ist jenem leid;
Das macht die Unbeständigkeit.
Wollte ziehen der Hund am Wagen,
Und der Ochse Hasen jagen,
Es deuchte uns doch wunderlich. 25
Noch schlimmer aber reimt es sich,
Bei diesem oder jenem Leiden
Den Stand des andern zu beneiden,
Der Knecht den Bauer und umgekehrt;
Das ist ja beiderseits verkehrt. 30
Wird Pfaffe Ritter, Ritter Pfaffe,
So handelt jeder wie der Affe,
Der, sorglos ob es ihm sei recht,
Ein jedes Amt bekleiden möcht’.
Die Sach’ ist trüglich ganz und gar; 35
Ich sage euch, und es ist wahr:
Das seine würde keiner geben,
Kannt’ er nur des andern Leben.
Des Armen Mühen und des Reichen,
Die beiden sich vollständig gleichen. 40
Wer hat Verstand, der deutlich sieht,
Dass Armut nicht den kürzern zieht.
Dem Armen weh die Armut tut,
Der Reiche quält sich um sein Gut.
Ist man mir schuldig, tut’s mir leid, 45
Dass keine Barschaft steht bereit;
Bin ich der Schuldige, leid’ ich Qualen,
Weil ich nichts habe zu bezahlen.
Man sieht ja, zwischen arm und reich
Ist alles abgewogen gleich. 50
Der arme Mann sehnt sich nach Gut,
Der reiche Mann bedarf der Hut.
Gut wünschen ist des Armen Plage,
Und wer es hat, kommt in die Lage,
Dass er um Hilfe bitten muss; 55
Auf gleicher Stufe geht ihr Fuss.
Der Arme plagt sich nach dem Gute,
Dem Reichen ist es schlecht zu Mute,
Weil er noch ungesättigt bleibt;
Besitz die Sorgen nie vertreibt. 60
Wer hat genug und mehr noch will,
Dem hilft sein Gut genau so viel,
Als Rauch den Augen nützlich ist;
Das ist nun wahr zu jeder Frist.
Der ist sehr arm bei grossem Gut, 65
Der mehr begehrt in seinem Mut.
Der hat an kleinen Dingen viel,
Der hat genug und nichts mehr will.
Hat jemand einen reichen Mut,
Er ist nicht arm bei kleinem Gut. 70
Wem nicht genüget, was er hat,
Für dessen Armut ist kein Rat:
Des bösen Mannes kargem Mut
Genügt ja nicht das grösste Gut.
Der Geiz’ge hätte stets die Fülle, 75
Public-domain text, read in full here on John Shaqi.
Reviews
Reviews
No reviews yet
Be the first to share your thoughts on this work.
Elsewhere in the archive
Join the Discussion
Join the discussion
Sign in to leave a comment or review.
Sign InorCreate an account