Wer die Zeit der Reue versäumet hat
Und auch nicht büsste seine Missetat 10
Und kommt zu stehn vor meiner Tür,
Der findet keinen Eintritt hier.
_Die zweite Törichte spricht_:
Tu’ auf, o Herr, dein Tor!
Die gnadenlosen Jungfraun stehen davor
Lieber Herr, wir bitten dich sehr, 15
Dass deine Gnade sich uns zukehr’.
_Jesus spricht also_:
Ich weiss nicht, wer ihr seid.
Da ihr zu keiner Zeit
Mich selber habt erkannt
Noch die Taten meiner Hand, 20
So bleibt euch Gnadenlosen
Das Himmelstor verschlossen.
_Die dritte Törichte spricht also_:
Da Gott uns Heil versagt,
Beten wir zu der reinen Magd,
Mutter aller Barmherzigkeit, 25
Dass sie uns huld sei in unsrem grossen Herzeleid
Und zu ihrem Sohn flehe für uns Armen,
Dass er sich unser woll’ erbarmen.
_Die vierte Törichte spricht_:
Maria, Mutter und Magd,
Uns ward gar oft gesagt, 30
Du seiest aller Gnade voll;
Nun bedürfen wir der Gnade wohl.
Dies bitten wir dich sehr
Bei aller Jungfrauen Ehr’,
Dass du zu deinem Sohn flehest für uns Armen, 35
Er möge sich unser gnädig erbarmen.
_Maria spricht also_:
Tatet ihr je mir oder meinem Kinde etwas zu Frommen,
Es müsste euch jetzt zu statten kommen.
Das tatet ihr aber leider mit nichten,
Drum wird unser beider Bitte wenig ausrichten. 40
Doch will ich’s versuchen bei meinem Kinde,
Ob ich vielleicht Gnade finde.
_Maria fällt auf die Kniee vor unsern Herrn und spricht_:
Ach, liebes Kind mein,
Gedenke der armen Mutter dein,
Gedenke der mannigfaltigen Not, 45
Die ich erlitt durch deinen Tod.
Herr Sohn, da ich dein genas,
Hatt’ ich weder Haus noch Palas,
Ganz arm war ich;
Das hab’ ich erlitten für dich. 50
Ich hatte mit dir Mühe, es ist wahr,
Mehr als dreiunddreissig Jahr;
Sieh, liebes Kind, das lohne mir
Und erbarme dich dieser Armen hier.
_Jesus spricht zu Maria_:
Mutter, denkt an das Wort, 55
Das sie finden geschrieben dort:
Wolken und Erde sollen vergehn,
Meine Worte sollen immer stehn.
Du errettest den Sünder nimmermehr,
Weder du noch das ganze himmlische Heer. 60
_Die erste Törichte spricht also_:
Ach Herr, bei deiner Güte
Erweiche dein Gemüte
Und erzürne dich nicht so sehr.
Bei aller Jungfrauen Ehr’
Schau’ heute unser Elend an; 65
Es reut uns, was wir dir zu Leid je haben getan.
Nicht wieder wollen wir uns vergehen;
Erhöre deiner Mutter Flehen
Und lass uns arme Jungfrauen
Die Festlichkeit beschauen. 70
Maria, aller Sünder Trösterin,
Hilf uns zum Freudensaal darin!
_Maria spricht also_:
Public-domain text, read in full here on John Shaqi.
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