Wer mir ein Stück davon versagt,
Wird vor dem Abte angeklagt.”
Reinhart sprach: “Nie tät’ es not; 715
Euch steht das Unsrige zu Gebot
In brüderlicher Minn’ und Ehr’,
Doch hier sind keine Fische mehr.
Ich will Euch aber führen gleich
Zu unserm klösterlichen Teich, 720
In dem so viele Fische gehen,
Dass niemand mag sie übersehen.
Die Brüder taten sie hinein.”
“Lasst uns nur hin,” sprach Isengrein;
Da gingen sie; gleich ohne Zorn, 725
Der Teich war aber überfrorn.
Sie begannen nachzuschauen;
Es war ein Loch im Eis gehauen,
Wo man sich Wasser herausnahm,
Was Isengrin zu Schaden kam. 730
Sein Bruder trug ihm grossen Hass
Und einen Eimer nicht vergass;
Reinhart war froh, als er ihn fand
Und an den Schwanz dem Bruder band.
Da sprach Herr Isengrein: 735
“In nomine patris! Was soll das sein?”
“Senkt hier den Eimer,” Reinhart sprach,
“Und wartet ruhig und gemach
Indem ich treibe sie hierher;
Nicht lange bleibt Ihr magenleer, 740
Weil ich sie sehen kann durchs Eis.”
Herr Isengrin war nicht sehr weis’.
Er sprach: “Sagt mir in Bruderminne,
Gibt es denn wirklich Fisch’ hierinne?”
“Ja Tausende hab’ ich gesehn.” 745
“Wohl denn, es kann uns Glück geschehn.”
Isengrin hatte dummen Sinn;
Bald fror der Schwanz ihm fest darin.
Die Nacht ward schrecklich kalt am Ort,
Doch Reinhart schwieg nur immerfort. 750
Herr Isengrin fror mehr und mehr;
Er sprach: “Der Eimer wird mir schwer.”
“Ich zähle drin, bei meiner Ehr’,
Der Äle dreissig,” sprach Reinhart;
“Dies wird uns eine nütze Fahrt. 755
Steht nur noch wenig Zeit in Ruh’,
Es kommen hundert noch dazu.”
Nachher, als es begann zu tagen,
Sprach Reinhart: “Leider muss ich sagen,
Mir bangt des grossen Reichtums wegen. 760
Ich bin in hohem Grad verlegen,
Weil so viel Fische uns gegönnt,
Dass Ihr sie gar nicht heben könnt.
Versucht’s doch, ob es Euch gelingt,
Dass Ihr heraus den Eimer bringt.” 765
Herr Isengrin fing an zu ziehen,
Doch all umsonst war sein Bemühen;
Den Eimer musst’ er lassen stehen.
Reinhart sprach: “Ich will jetzt gehen
Zu den Brüdern, dass sie kommen; 770
Es soll der Fang uns allen frommen.”
Bald kam herauf die helle Sonn’,
Und Reinhart machte sich davon.
2
_From the Low German ‘Reinke de Vos,’ Book 2: Reinke under the Pope’s
ban; Martin the Ape offers to assist him._
Public-domain text, read in full here on John Shaqi.
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