Ich kam für liebes[4] fensterlein
An einem abend spate;
Ich sprach zur allerliebsten mein:
Ich fürcht, ich kum zu drate.[5]
Erzeig mir doch die treue dein,
Die ich von dir bin gwarten[6];
Sieh, liebe, lass mich ein!
Bei meiner treu ich dir versprich,
Ich wil dich nit verkeren,[7]
Mein treu ich doch an dir nit brich,
Tust du mich nun geweren.
Kum, glück, und schlag mit haufen drein,
Dass sie mich tu geweren,[8]
Sieh, liebe, lass mich ein!
[Notes:
4: _Liebes_, a neuter noun = _der Geliebten_.
5: _Drate_ = _früh_.
6: _Bin gwarten_ = _erwarte_ (_gwarten_ for _gewartend_).
7: _Verkeren_ = _verführen_.
8: _Geweren_, ‘gratify.’]
+4+
+Herzog Ulrichs Jagdlied.+[9]
Ich schell mein horn ins jamertal,
Mein freud ist mir verschwunden,
Ich hab gejagt, muss abelan,[10]
Das wild lauft vor den hunden.
Ein edel tier in diesem feld 5
Het ich mir auserkoren,
Das schieht[11] ab mir, als ich wol spir,[12]
Mein jagen ist verloren.
Far hin, gewild, in waldes lust!
Ich wil dich nimmer schrecken 10
Mit jagen dein schneeweisse brust[13];
Ein ander muss dich wecken
Mit jägers gschrei und hundes biss,
Dass du nicht magst entrinnen.
Halt dich in hut, mein tierle gut! 15
Mit leid scheid ich von hinnen.
Kein hochgewild ich fahen kann,
Das muss ich oft entgelten,
Noch halt ich stät auf jägers ban,
Wiewol mir glück komt selten. 20
Mag mir nit gbirn[14] ein hochgwild schon,
So lass ich mich beniegen[15]
An hasenfleisch, nit mer ich heisch,
Das mag mich nit betriegen.
[Notes:
9: Duke Ulrich of Würtemberg (1487-1550) was a passionate lover
of the chase. To please the emperor he married an unamiable
Bavarian princess, though he was in love with Elizabeth of
Brandenburg.
10: _Abelan_ = _ablassen_, ‘cease.’
11: _Schieht ab_, ‘shies away.’
12: _Spir_ = _spüre_.
13: _Brust_; probably to be taken as object of _jagen_, rather
than as a loose appositive to _dich_.
14: _Gbirn_ = _gebühren_.
15: _Beniegen_ = _begnügen_.]
+5+
+Verlorene Liebesmühe.+
Ein meidlein zu dem brunnen gieng,
Und das was seuberlichen;
Begegnet im ein stolzer knab,
Der grüsst sie herziglichen.
Sie setzt das krüglein neben sich 5
Und fraget, wer er were.
Er kusts an iren roten mund:
Ir seit mir nit unmere,[16]
Tret here!
Das meidlein tregt pantoffel an, 10
Darin tuts einher schnappen.
Wer ir nicht recht zusprechen kan,
Dem schneidt sie bald ein kappen[17];
Kein tuch daran nit wirt gespart,
Kan einen höflich zwagen,[18] 15
Spricht, sie woll nit mer unser sein,
Sie hab ein andren knaben,
Lat traben!
[Notes:
16: _Unmere_ = _gleichgültig_.
17: _Kappen_ = _Narrenkappen_.
18: _Zwagen_ = _waschen_ in the sense of ‘reject,’ ‘refuse.’]
+6+
+Hüt du dich.+
Public-domain text, read in full here on John Shaqi.
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