finden. Wenn auf diese Weise die Imagination von der Passion begleitet
wird, alsdann ist sie im Stande sich ohne Distraction über ein Objecte
aufzuhalten, und sich die Natur, Gestalt und Grösse desselben bekandt
zumachen; und dieses ist die Manier, die sie brauchet, sich
auszuschmücken und zu bereichern.
Erst ein solcher Schreiber der, wie unser Opitz, die Imagination mit
Bildern der Sachen bereichert und angefüllet hat, kan lebhaft und
natürlich dichten. Er kan die Objecte, die er einmal gesehen hat, so
offt er will, wieder aus der Imagination holen, sie wird ihn gleichsam
auf die Stelle zurück führen, wo er dieselben antreffen kan. Er seye in
sein Cabinet eingeschlossen, und werde von keinen andern Gegenständen
umgeben, als von einem Hauffen Bücher, so wird sie ihm eine hitzige
Schlacht, eine Belägerung, einen Sturm, einen Schiffbruch, etc. in
derselben Ordnung wieder vormahlen, in welcher sie ihm vormahls vor dem
Gesicht gestanden sind. Dieselbe wird alle die Affecte, die ihn schon
besessen haben, in ihm wieder rege machen, und ihn davon erhitzen, nicht
anderst als wenn er sie wirklich in der Brust fühlte. Es seye, dass er
in dem Schatten einer ausgespannten Eiche sitzet, von allen Neigungen
der Liebe, des Mitleidens, der Traurigkeit, des Zorns, frey und
unbeweget, so bringet ihm doch die Stärke seiner Imagination alle die
Ideen wieder zurück, die er gehabt hat, als er wircklich verliebt,
mitleidend, betrübt, erzörnt gewesen, sie setzet ihn in einen eben so
hitzigen Stande, als er damahlen gestanden ware, und ruffet ihm dieselbe
Expressionen wieder zurück, welcher er sich zur selben Zeit bedienet.
Will er eine Dame glauben machen, dass sie schön seye, und dass er sie
liebe; will er einen Todten beweinen, der ihn vielleichte nichts
angehet; will er einen erdichteten Zorn ausstossen, so weiss er die
Stellungen und die Worte derer Leuten, die in der That mit diesen
Passionen angefüllet sind, lebendig nachzumachen.
Diese vornehme Poeten, die ich niemals müde werde zuloben, lassen das
Hertze reden, man kan sagen, dass Amor ihnen ihre Verse in die Feder
geflösset hat, wenn sie von der Liebe, und Mars wenn sie von dem Kriege
singen. Sie zwingen uns die Affecte anzunehmen, welche sie wollen, wir
lachen, wir werden stoltz, wir förchten uns, wir erschrecken, wir
betrüben uns, wir weinen, wenn es ihnen gefällt; aber auch die traurigen
Affecte, die sie in uns rege machen, werden von einem gewissen Ergetzen
begleitet, das damit vermenget ist.
Ich belache diese fantastische Schüler der Reim-Kunst, welche sich eine
Chimerische Maitresse bey einem frostigen Hertzen, und einer noch
kälteren Imagination machen, welche von Brand und Feuer mit den
kältesten Expressionen reden, in der Metaphora sterben, sich hencken,
sich zu tode stürtzen, derer passioniertste Complimente, die sie ihrer
Liebsten machen, Spiele der Wörtern, und der truckenen Imagination sind,
Phebus, Galimathias, etc.
Public-domain text, read in full here on John Shaqi.
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