Die Nachtigall sang einst mit vieler Kunst,
Ihr Lied erwarb der ganzen Gegend Gunst;
Die Blätter in den Gipfeln schwiegen
Und fühlten ein geheim Vergnügen.
Der Vögel Chor vergass der Ruh 5
Und hörte Philomelen zu.
Aurora selbst verzog am Horizonte,
Weil sie die Sängerin nicht g’nug bewundern konnte;
Denn auch die Götter rührt der Schall
Der angenehmen Nachtigall, 10
Und ihr, der Göttin, ihr zu Ehren,
Liess Philomele sich noch zweimal schöner hören.
Sie schweigt darauf. Die Lerche naht sich ihr
Und spricht: “Du singst viel reizender als wir,
Dir wird mit Recht der Vorzug zugesprochen; 15
Doch eins gefällt uns nicht an dir,
Du singst das ganze Jahr nicht mehr als wenig Wochen.”
Doch Philomele lacht und spricht:
“Dein bittrer Vorwurf kränkt mich nicht
Und wird mir ewig Ehre bringen. 20
Ich singe kurze Zeit. Warum? Um schön zu singen.
Ich folg’ im Singen der Natur;
So lange sie gebeut, so lange sing’ ich nur.
Sobald sie nicht gebeut, so hör’ ich auf zu singen;
Denn die Natur lässt sich nicht zwingen.” 25
O Dichter, denkt an Philomelen,
Singt nicht, so lang ihr singen wollt.
Natur und Geist, die euch beseelen,
Sind euch nur wenig Jahre hold.
Soll euer Witz die Welt entzücken, 30
So singt, so lang ihr feurig seid,
Und öffnet euch mit Meisterstücken
Den Eingang in die Ewigkeit.
Singt geistreich der Natur zu Ehren;
Und scheint euch die nicht mehr geneigt, 35
So eilt, um rühmlich aufzuhören,
Eh’ ihr zu spät mit Schande schweigt.
Wer, sprecht ihr, will den Dichter zwingen?
Er bindet sich an keine Zeit.
So fahrt denn fort, noch alt zu singen, 40
Und singt euch um die Ewigkeit.
+2+
+Das Land der Hinkenden.+
Vor Zeiten gab’s ein kleines Land,
Worin man keinen Menschen fand,
Der nicht gestottert, wenn er red’te,
Nicht, wenn er ging, gehinket hätte;
Denn beides hielt man für galant. 5
Ein fremder sah den Übelstand;
Hier, dacht’ er, wird man dich im Gehn bewundern müssen,
Und ging einher mit steifen Füssen.
Er ging, ein jeder sah ihn an,
Und alle lachten, die ihn sahn, 10
Und jeder blieb vor Lachen stehen
Und schrie: “Lehrt doch den Fremden gehen!”
Der Fremde hielt’s für seine Pflicht,
Den Vorwurf von sich abzulehnen.
“Ihr,” rief er, “hinkt; ich aber nicht: 15
Den Gang müsst ihr euch abgewöhnen!”
Der Lärmen wird noch mehr vermehrt,
Da man den Fremden sprechen hört.
Er stammelt nicht; genug zur Schande!
Man spottet sein im ganzen Lande. 20
Public-domain text, read in full here on John Shaqi.
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