Gewohnheit macht den Fehler schön,
Den wir von Jugend auf gesehn.
Vergebens wird’s ein Kluger wagen
Und, dass wir töricht sind, uns sagen.
Wir selber halten ihn dafür, 25
Bloss, weil er klüger ist als wir.
+3+
+Das Gespenst.+
Ein Hauswirt, wie man mir erzählt,
Ward lange Zeit durch ein Gespenst gequält.
Er liess, des Geists sich zu erwehren,
Sich heimlich das Verbannen lehren;
Doch kraftlos blieb der Zauberspruch. 5
Der Geist entsetzte sich vor keinen Charakteren
Und gab, in einem weissen Tuch,
Ihm alle Nächte den Besuch.
Ein Dichter zog in dieses Haus.
Der Wirt, der bei der Nacht nicht gern allein gewesen, 10
Bat sich des Dichters Zuspruch aus
Und liess sich seine Verse lesen.
Der Dichter las ein frostig Trauerspiel,
Das, wo nicht seinem Wirt, doch ihm sehr wohl gefiel.
Der Geist, den nur der Wirt, doch nicht der Dichter sah, 15
Erschien und hörte zu; es fing ihn an zu schauern.
Er konnt es länger nicht als einen Auftritt dauern,
Denn, eh’ der andre kam, so war er nicht mehr da.
Der Wirt, von Hoffnung eingenommen,
Liess gleich die andre Nacht den Dichter wiederkommen. 20
Der Dichter las, der Geist erschien,
Doch ohne lange zu verziehn.
“Gut,” sprach der Wirt bei sich,
“dich will ich bald verjagen,
Kannst du die Verse nicht vertragen.”
Die dritte Nacht blieb unser Wirt allein. 25
Sobald es zwölfe schlug, liess das Gespenst sich blicken;
“Johann!” fing drauf der Wirt gewaltig an zu schrein,
“Der Dichter (lauft geschwind!) soll von der Güte sein
Und mir sein Trauerspiel auf eine Stunde schicken.”
Der Geist erschrak und winkte mit der Hand, 30
Der Diener sollte ja nicht gehen;
Und kurz, der weisse Geist verschwand
Und liess sich niemals wieder sehen.
Ein jeder, der dies Wunder liest,
Zieh’ sich daraus die gute Lehre, 35
Dass kein Gedicht so elend ist,
Das nicht zu etwas nützlich wäre.
Und wenn sich ein Gespenst vor schlechten Versen scheut,
So kann uns dies zum grossen Tröste dienen,
Gesetzt, dass sie zu unsrer Zeit 40
Auch legionenweis erschienen:
So wird, um sich von allen zu befrein,
An Versen doch kein Mangel sein.
+4+
+Der unsterbliche Autor.+
Ein Autor schrieb sehr viele Bände
Und ward das Wunder, seiner Zeit;
Der Journalisten gütge Hände
Verehrten ihm die Ewigkeit
Er sah, vor seinem sanften Ende, 5
Fast alle Werke seiner Hände
Das sechste Mal schon aufgelegt
Und sich mit tiefgelehrtem Blicke
Public-domain text, read in full here on John Shaqi.
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