Kurz, Agathon, von dem Augenblick an, da jener grosse Gedanke von meinem
Innern Besitz genommen hat und die Seele aller meiner Triebe,
Entschliessungen und Handlungen geworden ist, verschwindet auf immer
jede Vorstellung, jede Begierde, jede Leidenschaft, die mein Ich von dem
Ganzen, dem es angehört, trennen, meinen Vorteil isolieren, meine
Pflicht meinem Nutzen oder Vergnügen unterordnen will. Nun ist mir keine
Tugend zu schwer, kein Opfer, das ich ihr bringe, zu teuer, kein Leiden
um ihrentwillen unerträglich. Ich scheine, wie du sagtest, mehr als ein
gewöhnlicher Mensch; und doch besteht mein ganzes Geheimnis bloss darin,
dass ich diesen Gedanken meines göttlichen Ursprungs, meiner bohen
Bestimmung, und meines unmittelbaren Zusammenhangs mit der unsichtbaren
Welt und dem allgemeinen Geist, immer in mir gegenwärtig, hell und
lebendig zu erhalten gesucht habe, und dass er durch die Länge der Zeit
zu einem immerwährenden leisen Gefühl geworden ist. Fühle ich auch (wie
es kaum anders möglich ist) zuweilen das Los der Menschheit, den Druck
der irdischen Last, die an den Schwingen unseres Geistes hängt,
verdüstert sich mein Sinn, ermattet meine Kraft,--so bedarf es nur
einiger Augenblicke, worin ich den schlummernden Gedanken der innigen
Gegenwart, womit die alles erfüllende Urkraft auch mein innerstes Wesen
umfasst und durchdringt, wieder in mir erwecke, und es wird mir, als ob
ein Lebensgeist mich anwehe, der die Flamme des meinigen wieder anfacht,
wieder Licht durch meinen Geist, Wärme durch mein Herz verbreitet, und
mich wieder stark zu allem macht, was mir zu tun oder zu leiden
auferlegt ist.
Public-domain text, read in full here on John Shaqi.
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