Ich kenne nur einen einzigen Einwurf gegen ihn, der beim ersten Anblick
einige Scheinbarkeit hat; den nämlich, dass er zu erhaben für den
grossen Haufen, zu rein und vollkommen für den Zustand sei, zu welchem
das Schicksal die Menschen auf dieser Erde verurteilt habe. Aber, wenn
es nur zu wahr ist, dass der grösste Teil unsrer Brüder sich in einem
Zustande von Rohheit, Unwissenheit, Mangel an Ausbildung, Unterdrückung
und Sklaverei befindet, der sie zu einer Art von Tierheit zu verdammen
scheint, worin dringende Sorgen für die blosse Erhaltung des
animalischen Lebens den Geist niederdrücken und ihn nicht zum
Bewusstsein seiner eignen Würde und Rechte kommen lassen: wer darf es
wagen, die Schuld dieser Herabwürdigung der Menschheit auf das Schicksal
zu legen? Liegt sie nicht offenbar an denen, die aus höchst sträflichen
Bewegursachen alle nur ersinnlichen Mittel anwenden, sie so lange als
möglich in diesem Zustande von Tierheit zu erhalten? --Doch, diese
Betrachtung würde uns jetzt zu weit führen! --Genug, wir, mein lieber
Agathon, wir kennen unsre Pflicht: nie werden wir, wenn Macht in unsre
Hände gegeben wird, unsre Macht anders als zum möglichsten Besten unsrer
Brüder gebrauchen; und wenn wir auch sonst nichts vermögen, so werden
wir ihnen, so viel an uns ist, zu jenem ‘Kenne dich selbst’ behilflich
zu sein suchen, welches sie unmittelbar zu dem einzigen Mittel führt,
wodurch den Übeln der Menschheit gründlich geholfen werden kann.
Freilich ist dies nur stufenweise, nur durch allmähliche Verbreitung des
Lichtes, worin wir unsre wahre Natur und Bestimmung erkennen, möglich:
aber auch bei der langsamsten Zunahme desselben, wofern es nur zunimmt,
wird es endlich heller Tag werden; denn so lange die Unmöglichkeit einer
stufenweise wachsenden Vervollkommnung aller geistigen Wesen
unerweislich bleiben wird, können wir jenen trostlosen Zirkel, worin
sich das Menschengeschlecht, nach der Meinung einiger Halbweisen, ewig
herumdrehen soll, zuversichtlich für eine Chimäre halten. Bei einer
solchen Meinung mag wohl die Trägheit einzelner sinnlicher Menschen ihre
Rechnung finden: aber sie ist weder dem Menschen im ganzen zuträglich,
noch mit dem Begriffe, den die Vernunft sich von der Natur des Geistes
macht, noch mit dem Plane des Weltalls vereinbar, den wir uns, als das
Werk der höchsten Weisheit und Güte, schlechterdings in der höchsten
Vollkommenheit, die wir mit unsrer Denkkraft erreichen können,
vorzustellen schuldig sind; und dies um so mehr, da wir nicht zweifeln
dürfen, dass die undurchbrechbaren Schranken unsrer Natur, auch bei der
höchsten Anstrengung unsrer Kraft, uns immer unendlich weit unter der
wirklichen Vollkommenheit dieses Plans und seiner Ausführung
züruckbleiben lassen.
Public-domain text, read in full here on John Shaqi.
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