Auch der Einwurf, dass der Glaube einer Verknüpfung unsers Geistes mit
der unsichtbaren Welt und dem allgemeinen System der Dinge gar zu leicht
die Ursache einer der gefährlichsten Krankheiten des menschlichen
Gemütes, der religiösen und dämonistischen Schwärmerei, werden könne,
ist von keiner Erheblichkeit. Denn es hängt ja bloss von uns selbst ab,
dem Hange zum Wunderbaren die Vernunft zur Grenze zu setzen, Spielen der
Phantasie und Gefühlen des Augenblicks keinen zu hohen Wert beizulegen,
und die Bilder, unter welchen die alten Dichter der Morgenländer ihre
Ahnungen vom Unsichtbaren und Zukünftigen sich und andern zu
versinnlichen gesucht haben, für nichts mehr als das, was sie sind, für
Bilder übersinnlicher und also unbildlicher Dinge anzusehen.
Verschiedenes in der Orphischen Theologie, und das Meiste, was in den
Mysterien geoffenbaret wird, scheint aus dieser Quelle geflossen zu
sein. Diese lieblichen Träume der Phantasie sind dem kindischen Alter
der Menschheit angemessen, und die Morgenländer scheinen auch hierin,
wie in allem Übrigen, immer Kinder bleiben zu wollen. Aber uns, deren
Geisteskräfte unter einem gemässigtern Himmel und unter dem Einfluss der
bürgerlichen Freiheit entwickelt, und durch keine Hieroglyphen, heilige
Bücher und vorgeschriebene Glaubensformeln gefesselt werden,--uns, denen
erlaubt ist, auch die ehrwürdigsten Fabeln des Altertums für--Fabeln zu
halten, liegt es ob, unsre Begriffe immer mehr zu reinigen, und
überhaupt von allem, was ausserhalb des Kreises unsrer Sinne liegt,
nicht mehr wissen zu wollen, als was die Vernunft selbst davon zu
glauben lehrt, und als für unser moralisches Bedürfnis zureicht.
Die Schwärmerei, die sich im Schatten einer unbeschäftigten Einsamkeit
mit sinnlich-geistigen Phänomenen und Gefühlen nährt, lässt sich
freilich an einer so frugalen Beköstigung nicht genügen; sie möchte sich
über die Grenzen der Natur wegschwingen, sich durch Überspannung ihres
innern Sinnes schon in diesem Leben in einen Zustand versetzen können,
der uns vielleicht in einem andern bevorsteht; sie nimmt Träume für
Erscheinungen, Schattenbilder für Wesen, Wünsche einer glühenden
Phantasie für Genuss; gewöhnt ihr Auge an ein magisches Helldunkel,
worin ihm das volle Licht der Vernunft nach und nach unerträglich wird,
und berauscht sich in süssen Gefühlen und Ahnungen, die ihr den wahren
Zweck des Lebens aus den Augen rücken, die Tätigkeit des Geistes
einschläfern, und das unbewachte Herz wehrlos jedem unvermuteten Anfall
auf seine Unschuld preisgeben. Gegen diese Krankheit der Seele ist
Erfüllung unsrer Pflichten im bürgerlichen und häuslichen Leben das
sicherste Verwahrungsmittel; denn innerhalb dieser Schranken ist die
Laufbahn eingeschlossen, die uns hienieden angewiesen ist, und es ist
blosse Selbsttäuschung, wenn jemand sich berufen glaubt, eine Ausnahme
von diesem allgemeinen Gesetze zu sein.
Public-domain text, read in full here on John Shaqi.
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