Ich schliesse so: Wenn es wahr ist, dass die Malerei zu ihren
Nachahmungen ganz andere Mittel oder Zeichen gebraucht als die Poesie,
jene nämlich Figuren und Farben in dem Raume, diese aber artikulierte
Töne in der Zeit; wenn unstreitig die Zeichen ein bequemes Verhältnis zu
dem Bezeichneten haben müssen: so können neben einander geordnete
Zeichen auch nur Gegenstände, die neben einander, oder deren Teile neben
einander existieren, auf einander folgende Zeichen aber auch nur
Gegenstände ausdrücken, die auf einander, oder deren Teile auf einander
folgen.
Gegenstände, die neben einander, oder deren Teile neben einander
existieren, heissen Körper. Folglich sind Körper mit ihren sichtbaren
Eigenschaften die eigentlichen Gegenstände der Malerei.
Gegenstände, die auf einander, oder deren Teile auf einander folgen,
heissen überhaupt Handlungen. Folglich sind Handlungen der eigentliche
Gegenstand der Poesie.
Doch alle Körper existieren nicht allein in dem Raume, sondern auch in
der Zeit. Sie dauern fort und können in jedem Augenblicke ihrer Dauer
anders erscheinen und in anderer Verbindung stehen. Jede dieser
augenblicklichen Erscheinungen und Verbindungen ist die Wirkung einer
vorhergehenden und kann die Ursache einer folgenden und sonach gleichsam
das Zentrum einer Handlung sein. Folglich kann die Malerei auch
Handlungen nachahmen, aber nur andeutungsweise durch Körper.
Auf der ändern Seite können Handlungen nicht für sich selbst bestehen,
sondern müssen gewissen Wesen anhängen. Insofern nun diese Wesen Körper
sind oder als Körper betrachtet werden, schildert die Poesie auch
Körper, aber nur andeutungsweise durch Handlungen.
Die Malerei kann in ihren coexistierenden Compositionen nur einen
einzigen Augenblick der Handlung nutzen und muss daher den prägnantesten
wählen, aus welchem das Vorhergehende und Folgende am Begreiflichsten
wird.
Ebenso kann auch die Poesie in ihren fortschreitenden Nachahmungen nur
eine einzige Eigenschaft der Körper nutzen und muss daher diejenige
wählen, welche das sinnlichste Bild des Körpers von der Seite erwecket,
von welcher sie ihn braucht.
Hieraus fliesst die Regel von der Einheit der malerischen Beiwörter und
der Sparsamkeit in den Schilderungen körperlicher Gegenstände.
Ich würde in diese trockene Schlusskette weniger Vertrauen setzen, wenn
ich sie nicht durch die Praxis des Homers vollkommen bestätigt fände,
oder wenn es nicht vielmehr die Praxis des Homers selbst wäre, die mich
darauf gebracht hätte. Nur aus diesen Grundsätzen lässt sich die grosse
Manier des Griechen bestimmen und erklären, so wie der entgegengesetzten
Manier so vieler neuern Dichter ihr Recht erteilen, die in einem Stücke
mit dem Maler wetteifern wollen, in welchem sie notwendig von ihm
überwunden werden müssen.
Public-domain text, read in full here on John Shaqi.
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