In der alten Zeit aber waren es Dichter, Skalden, Gelehrte, die eben
diese Sicherheit und Festigkeit des Ausdrucks am meisten mit Würde, mit
Wohlklang, mit Schönheit zu paaren wussten; und da sie also Seele und
Mund in den festen Bund gebracht hatten, sich einander nicht zu
verwirren, sondern zu unterstützen, beizuhelfen: so entstanden daher
jene für uns halbe Wunderwerke von ἀοιδοῖς [Greek: aoidois], Sängern,
Barden, Minstrels, wie die grössten Dichter der ältesten Zeiten waren.
Homers Rhapsodien und Ossians Lieder waren gleichsam Impromptus, weil
man damals noch von nichts als Impromptus der Rede wusste: dem letztern
sind die Minstrels, wiewohl so schwach und entfernt, gefolgt; indessen
doch gefolgt, bis endlich die Kunst kam und die Natur auslöschte. In
fremden Sprachen quälte man sich von Jugend auf, Quantitäten von Silben
kennen zu lernen, die uns nicht mehr Ohr und Natur zu fühlen gibt; nach
Regeln zu arbeiten, deren wenigste ein Genie als Naturregeln anerkennt;
über Gegenstände zu dichten, über die sich nichts denken, noch weniger
sinnen, noch weniger imaginieren lässt; Leidenschaften zu erkünsteln,
die wir nicht haben, Seelenkräfte nachzuahmen, die wir nicht
besitzen,--und endlich wurde alles Falschheit, Schwäche und Künstelei.
Selbst jeder beste Kopf ward verwirret und verlor Festigkeit des Auges
und der Hand, Sicherheit des Gedankens und des Ausdrucks, mithin die
wahre Lebhaftigheit und Wahrheit und Andringlichkeit--alles ging
verloren. Die Dichtkunst, die die stürmendste, sicherste Tochter der
menschlichen Seele sein sollte, ward die ungewisseste, lahmste,
wankendste; die Gedichte fein oft corrigierte Knaben- und
Schulexercitien.
[Notes:
3: _Auszug aus einem Briefwechsel über Ossian und die Lieder alter
Völker_ was published in 1773, as part of a collection of papers
(by Herder, Goethe and Möser) entitled _Von deutscher Art und
Kunst_. See Suphan’s Herder, Vol. 5, page 155.]
4
_From an essay entitled ‘Shakespear’[4]: Sophocles and Shakspere._
Shakespear fand vor und um sich nichts weniger als Simplicität von
Vaterlandssitten, Taten, Neigungen und Geschichtstraditionen, die das
griechische Drama bildete, und da also nach dem ersten metaphysischen
Weisheitssatze aus nichts nichts wird, so wäre, Philosophen überlassen,
nicht bloss kein griechisches, sondern, wenn’s ausserdem Nichts gibt,
auch gar kein Drama in der Welt mehr geworden, und hätte werden können.
Da aber Genie bekanntermassen mehr ist als Philosophie, und Schöpfer ein
ander Ding als Zergliederer: so war’s ein Sterblicher mit Götterkraft
begabt, eben aus dem entgegengesetztesten Stoff, und in der
verschiedensten Bearbeitung, dieselbe Wirkung hervorzurufen, Furcht und
Mitleid, und beide in einem Grade, wie jener erste Stoff und Bearbeitung
es kaum hervorzubringen vermocht! Glücklicher Göttersohn über sein
Unternehmen! Eben das neue, erste, ganz Verschiedene, zeigt die Urkraft
seines Berufs.
Public-domain text, read in full here on John Shaqi.
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