Weiss Gott! ich lege mich so oft zu Bette mit dem Wunsche, ja manchmal
mit der Hoffnung, nicht wieder zu erwachen; und morgens schlage ich die
Augen auf, sehe die Sonne wieder und bin elend. O dass ich launisch sein
könnte, könnte die Schuld aufs Wetter, auf einen Dritten, auf eine
fehlgeschlagene Unternehmung schieben, so würde die unerträgliche Last
des Unwillens doch nur halb auf mir ruhen. Wehe mir! ich fühle zu wahr,
dass an mir allein alle Schuld liegt--nicht Schuld! Genug, dass in mir
die Quelle alles Elendes verborgen ist, wie ehemals die Quelle aller
Seligkeiten. Bin ich nicht noch eben derselbe, der ehemals in aller
Fülle der Empfindung herumschwebte, dem auf jedem Tritte ein Paradies
folgte, der ein Herz hatte, eine ganze Welt liebevoll zu umfassen? Und
dies Herz ist jetzt tot, aus ihm fliessen keine Entzückungen mehr, meine
Augen sind trocken, und meine Sinne, die nicht mehr von erquickenden
Tränen gelabt werden, ziehen ängstlich meine Stirn zusammen. Ich leide
viel, denn ich habe verloren was meines Lebens einzige Wonne war, die
heilige Kraft, mit der ich Welten um mich schuf; sie ist dahin! --Wenn
ich zu meinem Fenster hinaus an den fernen Hügel sehe, wie die
Morgensonne über ihn her den Nebel durchbricht und den stillen
Wiesengrund bescheint, und der sanfte Fluss zwischen seinen
entblätterten Weiden zu mir herschlängelt,--o! wenn da diese herrliche
Natur so starr vor mir steht wie ein lackiertes Bildchen, und alle die
Wonne keinen Tropfen Seligkeit aus meinem Herzen herauf in das Gehirn
pumpen kann, und der ganze Kerl vor Gottes Angesicht steht wie ein
versiegter Brunnen, wie ein verlechter Eimer. Ich habe mich oft auf den
Boden geworfen und Gott um Tränen gebeten, wie ein Ackersmann um Regen,
wenn der Himmel ehern über ihm ist, und um ihn die Erde verdürstet.
11
_From ‘Letters from Switzerland.’_[1]
Frei wären die Schweizer? frei diese wohlhabenden Bürger in den
verschlossenen Städten? frei diese armen Teufel an ihren Klippen und
Felsen? Was man dem Menschen nicht alles weiss machen kann! Besonders
wenn man so ein altes Märchen in Spiritus aufbewahrt. Sie machten sich
einmal von einem Tyrannen los und konnten sich in einem Augenblick frei
denken; nun erschuf ihnen die liebe Sonne aus dem Aas des Unterdrückers
einen Schwarm von kleinen Tyrannen durch eine sonderbare Wiedergeburt.
Nun erzählen sie das alte Märchen immer fort, man hört bis zum
Überdruss: sie hätten sich einmal frei gemacht und wären frei geblieben.
Und nun sitzen sie hinter ihren Mauern, eingefangen von ihren
Gewohnheiten und Gesetzen, ihren Fraubasereien und Philistereien, und da
draussen auf den Felsen ist’s auch wohl der Mühe wert von Freiheit zu
reden, wenn man das halbe Jahr vom Schnee wie ein Murmeltier gefangen
gehalten wird.
* * *
Public-domain text, read in full here on John Shaqi.
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