So wütete Verzweifelung
Ihr in Gehirn und Adern. 90
Sie fuhr mit Gottes Vorsehung
Vermessen fort zu hadern;
Zerschlug den Busen und zerrang
Die Hand, bis Sonnenuntergang,
Bis auf am Himmelsbogen 95
Die goldnen Sterne zogen.
Und aussen, horch! ging’s trap trap trap,
Als wie von Rosses Hufen;
Und klirrend stieg ein Reiter ab,
An des Geländers Stufen. 100
Und horch! und horch! den Pfortenring
Ganz lose, leise, klinglingling!
Dann kamen durch die Pforte
Vernehmlich diese Worte:
“Holla! Holla! Tu auf, mein Kind! 105
Schläfst, Liebchen, oder wachst du?
Wie bist noch gegen mich gesinnt?
Und weinest oder lachst du?”--
“Ach, Wilhelm, du? --So spät bei Nacht?--
Geweinet hab ich und gewacht; 110
Ach, grosses Leid erlitten!
Wo kommst du hergeritten?”--
“Wir satteln nur um Mitternacht.
Weit ritt ich her von Böhmen.
Ich habe spät mich aufgemacht, 115
Und will dich mit mir nehmen.”--
“Ach, Wilhelm, erst herein geschwind!
Den Hagedorn durchsaust der Wind,
Herein, in meinen Armen,
Herzliebster, zu erwarmen!”-- 120
“Lass sausen durch den Hagedorn,
Lass sausen, Kind, lass sausen!
Der Rappe scharrt, es klirrt der Sporn,
Ich darf allhier nicht hausen.
Komm, schürze, spring und schwinge dich 125
Auf meinen Rappen hintermich!
Muss heut noch hundert Meilen
Mit dir ins Brautbett eilen.”--
“Ach, wolltest hundert Meilen noch
Mich heut ins Brautbett tragen? 130
Und horch! es brummt die Glocke noch,
Die elf schon angeschlagen.”--
“Sieh hin, sieh her! der Mond scheint hell.
Wir und die Toten reiten schnell.
Ich bringe dich, zur Wette, 135
Noch heut ins Hochzeitbette.”--
“Sag’ an, wo ist dein Kämmerlein?
Wo? Wie dein Hochzeitbettchen?”--
“Weit, weit von hier! --Still, kühl und klein!--
Sechs Bretter und zwei Brettchen!”-- 140
“Hat’s Raum für mich?” --“Für dich und mich!
Komm, schürze, spring und schwinge dich!
Die Hochzeitgäste hoffen;
Die Kammer steht uns offen.”--
Schön Liebchen schürzte, sprang und schwang 145
Sich auf das Ross behende;
Wohl um den trauten Reiter schlang
Sie ihre Lilienhände.
Und hurre hurre, hop hop hop,
Ging’s fort im sausenden Galopp, 150
Dass Ross und Reiter schnoben,
Und Kies und Funken stoben.
Zur rechten und zur linken Hand
Vorbei vor ihren Blicken,
Wie flogen Anger, Heid’ und Land! 155
Wie donnerten die Brücken!
“Graut Liebchen auch? --Der Mond scheint hell!
Hurra! die Toten reiten schnell!
Graut Liebchen auch vor Toten?”--
“Ach, nein! --Doch lass die Toten!” 160
Public-domain text, read in full here on John Shaqi.
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