Der König und die Kaiserin,
Des langen Haders müde, 10
Erweichten ihren harten Sinn
Und machten endlich Friede;
Und jedes Heer, mit Sing und Sang,
Mit Paukenschlag und Kling und Klang,
Geschmückt mit grünen Reisern, 15
Zog heim zu seinen Häusern.
Und überall all überall,
Auf Wegen und auf Stegen,
Zog alt und jung dem Jubelschall
Der Kommenden entgegen. 20
Gottlob! rief Kind und Gattin laut,
Willkommen! manche frohe Braut.
Ach! aber für Lenoren
War Gruss und Kuss verloren.
Sie frug den Zug wohl auf und ab, 25
Und frug nach allen Namen;
Doch keiner war, der Kundschaft gab,
Von allen, so da kamen.
Als nun das Heer vorüber war,
Zerraufte sie ihr Rabenhaar 30
Und warf sich hin zur Erde,
Mit wütiger Gebärde.
Die Mutter lief wohl hin zu ihr:--
“Ach, dass sich Gott erbarme!
Du trautes Kind, was ist mit dir?”-- 35
Und schloss sie in die Arme.--
“O Mutter, Mutter, hin ist hin!
Nun fahre Welt und alles hin!
Bei Gott ist kein Erbarmen.
O weh, o weh mir Armen!”-- 40
“Hilf Gott, hilf! Sieh uns gnädig an!
Kind, bet’ ein Vaterunser!
Was Gott tut, das ist wohlgetan.
Gott, Gott erbarmt sich unser!”--
“O Mutter, Mutter, eitler Wahn! 45
Gott hat an mir nicht wohlgetan!
Was half, was half mein Beten?
Nun ist’s nicht mehr von Nöten.”--
“Hilf Gott, hilf! wer den Vater kennt,
Der weiss, er hilft den Kindern. 50
Das hochgelobte Sacrament
Wird deinen Jammer lindern.”--
“O Mutter, Mutter, was mich brennt,
Das lindert mir kein Sacrament!
Kein Sacrament mag Leben 55
Den Toten wiedergeben.”--
“Hör, Kind, wie wenn der falsche Mann,
Im fernen Ungerlande,
Sich seines Glaubens abgetan,
Zum neuen Ehebande? 60
Lass fahren, Kind, sein Herz dahin!
Er hat es nimmermehr Gewinn!
Wann Seel’ und Leib sich trennen,
Wird ihn sein Meineid brennen.”--
“O Mutter, Mutter, hin ist hin! 65
Verloren ist verloren!
Der Tod, der Tod ist mein Gewinn!
O wär’ ich nie geboren!
Lisch aus, mein Licht, auf ewig aus!
Stirb hin, stirb hin, in Nacht und Graus! 70
Bei Gott ist kein Erbarmen.
O weh, o weh mir Armen!”--
“Hilf Gott, hilf! Geh nicht ins Gericht
Mit deinem armen Kinde!
Sie weiss nicht, was die Zunge spricht. 75
Behalt ihr nicht die Sünde!
Ach, Kind, vergiss dein irdisch Leid,
Und denk’ an Gott und Seligkeit!
So wird doch deiner Seelen
Der Bräutigam nicht fehlen,”-- 80
“O Mutter, was ist Seligkeit?
O Mutter! Was ist Hölle?
Bei ihm, bei ihm ist Seligkeit,
Und ohne Wilhelm Hölle!--
Lisch aus, mein Licht, auf ewig aus! 85
Stirb hin, stirb hin, in Nacht und Graus!
Ohn ihn mag ich auf Erden,
Mag dort nicht selig werden.”--
Public-domain text, read in full here on John Shaqi.
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