Der Bote sprach zu Marsilie:
“Der König aller Himmel,
Der uns von der Hölle erlöste 2020
Und die Seinen tröstete,
Der gebe dir Gnade,
Dass du seinen Frieden habest,
Und rette dich vom ewigen Tode.
Der König von Rom entbietet dir, 2025
Dass du Gott ehrest,
Dich zum Christentum bekehrest,
Dich taufen lassest,
An Einen Gott glaubest;
Davon will er Gewissheit haben. 2030
Er lässt dir wahrlich sagen:
Empfängst du das Christengesetz,
Soll dein Land in Frieden bleiben.
Er belehnt dich mit halb Spanien,
Den andern Teil soll Roland haben; 2035
Und wirst du sein Mann,
So behältst du grosse Ehre.
Der Kaiser entbietet dir ferner:
Greifst du etwa zur Gegenwehr,
Sucht er dich mit einem Heere auf; 2040
Er zerstört alle deine Häuser
Und vertreibt dich daraus.
Weder auf Erden noch auf dem Meere
Magst du dich seiner erwehren.
Er lässt dich fangen, 2045
Auf einem Esel führen
Vor seinen Thron zu Achen;
Da nimmt er Rache an dir:
Er lässt dir das Haupt abschlagen.
Das soll ich dir vom Kaiser sagen.” 2050
Marsilie blickte umher,
Er wurde sehr bleich,
Er hatte ängstliche Gedanken,
Er konnte kaum sitzen auf der Bank,
Es ward ihm kalt und heiss, 2055
Hart plagte ihn der Schweiss,
Er schüttelte den Kopf,
Er sprang hin und her.
Seinen Stab ergriff er,
Mit Zorn hob er ihn empor, 2060
Nach Genelun schlug er.
Genelun mit List
Wich dem Schlage aus.
Er trat vor dem König zurück,
Das Schwert ergriff er, 2065
Er blickte auf ihn zurück,
Er sagte zu dem Könige:
“Du übst also Gewalt.”
Halb zog er das Schwert,
Er sprach: “Karl, meinem Herrn, 2070
Diente ich immer mit Ehren.
In harten Volkskämpfen
Erwirkte ich mit dem Schwert,
Dass ich nie beschimpft ward.
Ich brachte dich mit Ehren hierher, 2075
Ich habe dich lange geführt.
Noch niemals bin ich gefangen.
Und vollbringst du den Schlag,
So ist es dein letzter Tag;
Oder aber ich sende zum Tode 2080
Irgend welchen Heiden,
Dessen Verlust du nie verschmerzest.
Ich wähne, du tobst oder rasest.
Jetzt muss ich bereuen,
Dass ich deinen Ungetreuen 2085
Jemals folgte diesen Weg.
Man hat mich im Stich gelassen,
Ich stehe nun ganz allein.
Was ist aus den Eiden geworden,
Die sie mir schworen, 2090
Als wir fortkamen?”
Die Fürsten sprangen auf,
Sie drangen dazwischen,
Sie verwiesen es dem König.
Sie sagten: “Herr, du tust übel, 2095
Den Kaiser so zu beschimpfen.
Wenn du zu ihm sendest,
Wird deine Botschaft
Ruhmvoll zu Ende geführt.
Sie sprechen uns Treue ab; 2100
Nun müssen wir bereuen,
Dass Friede je gemacht ward.
Du liessest ja seine Mannen köpfen.
Public-domain text, read in full here on John Shaqi.
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