+Dietmar von Eist: Erinnerung.+
Oben auf der Linde
Ein kleiner Vogel lieblich sang,
Vor dem Wald es hell erklang.
Da flog mein Herz geschwinde
An einen wohlbekannten Ort;
Viel Rosenblumen sah ich stehn.
Die mahnen die Gedanken mein
Dass sie zu einer Jungfrau gehn.
+8+
+Dietmar von Eist: Der Falke.+
Es stand eine Frau alleine
Und blickte über die Heide,
Blickt’ aus nach ihrem Lieben.
Einen Falken sah sie fliegen:
“Wie glücklich, Falke, du doch bist!
Du fliegst, wohin dir’s lieb ist.
Du erwählest in dem Walde
Einen Baum dir nach Gefallen.
Also hab’ auch ich getan:
Ich selbst erwählte mir den Mann,
Der wohlgefiel den Augen;
Das neiden andre Frauen.
Ach, liessen sie mir doch mein Lieb,
Da mich zu ihren Trauten nie Verlangen trieb!”
+9+
+Dietmar von Eist: Tagelied.+
“Schläfst du, holder Liebling du?
Man weckt uns, ach, nach kurzer Ruh’:
Schon hört’ ich, wie mit schönem Sang
Ein Vöglein auf der Linde Zweig sich schwang.”
“Von Schlafes Hülle sanft bedeckt,
Werd’ ich durch dein ‘Wach auf!’ geschreckt:
So folgt auf Liebes stets das Leid;
Doch, was du auch befiehlst, ich bin bereit.”
Aus ihrem Äug’ die Träne rann:
“Du gehst, verlassen bin ich dann.
Wann kehrst du wieder her zu mir?
Ach, meine Freude führst du fort mit dir.”
+10+
+Heinrich von Veldeke: Vogelsang.+
So in den Aprillen
Die Blumen entspringen,
Sich lauben die Linden
Und grünen die Buchen,
So mögen nach Willen
Die Vögelein singen.
Denn Minne sie finden,
Allda sie sie suchen,
Bei ihrem Genoss. Ihr Frohsinn ist gross;
Des nie mich verdross.
Denn sie schwiegen all den Winter stille.
Da sie an dem Reise
Die Blumen sahn prangen
Und Blätter entspringen,
Da hörte man schöne
Oft wechselnde Weise,
Wie vordem sie sangen.
Sie hoben ihr Singen
Mit lautem Getöne
Niedrig und hoch. Mein Sinn steht also:
Bin heiter und froh.
Recht ist’s, dass ich laut mein Glück preise.
+11+
+Reinmar der Alte: Glücksverkündigung.+
Froh bin ich der Märe,
Die ich hab’ vernommen,
Dass des Winters Schwere
Will zu Ende kommen.
Kaum erwart’ ich noch die Zeit,
Denn ich hatte nichts als Leid,
Seit die Welt rings war verschneit.
Hassen wird mich keiner,
Wenn ich fröhlich bin;
Weiss Gott! tät’ es einer,
Wär’s verkehrter Sinn.
Niemand ich ja schaden kann.
Wenn _sie_ Gutes mir tut an,
Was geht’s einen andern an?
Sollt’ ich meine Liebe
Bergen und verhehln,
Müsst’ ich ja zum Diebe
Werden und gar stehln.
Nein, das kommt mir nicht zu Sinn,
Weil ich gar zu fröhlich bin,
Geh’ ich hier, geh’ dort ich hin.
Spielt sie mit dem Balle,
In der Mägdlein Chor:
Dass sie nur nicht falle,
Da sei Gott davor!
Mädchen, lasst eu’r Drängen sein!
Stosset ihr mein Mägdelein,
Halb dann ist der Schade mein.
+12+
+Friedrich von Hausen: Zwiespalt.+
Public-domain text, read in full here on John Shaqi.
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