Er wollt’ ihr lindern noch den Tod. 1155
Nun lag ein guter Wetzstein auch
Ganz nahe bei, wie noch der Brauch.
Auf dem hub jetzt zu streichen an
Gar langsam der bedrückte Mann.
Das Wetzen aber hörte, 1160
Der ihre Freude störte,
Der arme Heinrich vor der Tür.
Und als das Wetzen drang herfür,
Da klagt’ und trauert’ er gar sehr,
Dass er das Mägdlein nimmermehr 1165
Lebendig sollte sehen.
Er hub zu suchen an und spähen,
Bis endlich in der dünnen Wand
Sein Aug’ ein kleines Löchlein fand.
Da sah er durch den schmalen Spalt 1170
Sie auf dem Tisch gebunden bald.
Sie war so hold, so jung und schön,
Da musst’ er reuig sich ansehn,
Und anders ward ihm da zu Mut.
Ihn deucht’, es sei wohl nimmer gut, 1175
Wie ihm bisher das Herz gesinnt.
Und so verwandelt’ er geschwind
Den alten eigensücht’gen Sinn
Und gab sich neuem Fühlen hin.
Er sprach: “Das war unklug Beginnen, 1180
Dass wider den in trotz’gen Sinnen
Du leben wolltest einen Tag,
Dem niemand doch entrinnen mag.
Du weisst fürwahr nicht, was du tust,
Da du doch einmal sterben musst, 1185
Dass du dies jammervolle Leben,
Das Gott allein dir hat gegeben,
Nicht willig willst zu Ende tragen,
Zumal du sicher nicht kannst sagen,
Ob dich erlöst des Kindes Tod. 1190
Was dir beschert der liebe Gott,
Das lass dir alles auch geschehn.
Ich will des Kindes Tod nicht sehn.”
Sogleich war der Entschluss gefasst.
Er pochte an die Wand mit Hast 1195
Und bat: “Lasst mich sogleich hinein!”
Der Meister sprach: “Das kann nicht sein,
Mir fehlt die Musse jetzt dazu,
Dass ich Euch auf die Türe tu’.”
“Nein, Meister, höret nur ein Wort!” 1200
“Wie kann ich, wartet ruhig dort,
Bis es geschehn.” “Ach Meister, nein,
Hört mich, es muss vor dem noch sein!”
“Nun sagt mir’s denn durch diese Wand!”
“Ach, nein, so ist es nicht bewandt” 1205
Da öffnet endlich er die Tür.
Der arme Heinrich trat herfür,
Wo sein Gemahl[2] gebunden lag.
Zum Meister alsobald er sprach:
“Dies Mägdlein ist so wonniglich, 1210
Wahrhaftig, nimmermehr kann ich
Ihr jämmerliches Ende sehn.
Des Ewigen Wille soll geschehn.
Heisst sie vom Tische sich erheben;
Das Silber will ich gern Euch geben, 1215
Das ich Euch bot für Eure Müh’.
Nur lasst, ich bitt’, am Leben sie!”
[Notes:
2: Heinrich had playfully called her his ‘wife.’ The girl is but
eight years old when the story begins.]
+XXIV. WOLFRAM VON ESCHENBACH+
Public-domain text, read in full here on John Shaqi.
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