Wagt Ihr nur mich zu schneiden,
Ich wag’ es wohl zu leiden.
Die Angst und bittre Todesqual, 1080
Davon Ihr mir erzählt zumal,
Die hab’ ich wohl von Euch vernommen;
Doch wär’ ich wahrlich nicht gekommen,
Wüsst’ ich so fest nicht meinen Mut,
Dass ich vergiessen könnt’ mein Blut 1085
Und alle Leiden gern erdulden.
Mir ist von Euren Hulden
Die bleiche Farbe ganz genommen
Und also fester Mut gekommen,
Dass ich nicht ängstlicher hier steh’, 1090
Als wenn ich froh zum Tanze geh’;
Die Not kann doch so gross nicht sein,
Die einen Tag nur währt; ich mein’,
Dass ich fürs ewige Leben
Den einen Tag wohl könnte geben. 1095
Euch kann an meinem festen Willen
Kein Zweifel mehr das Herz erfüllen.
Könnt’ Ihr dem Herrn Gesundheit geben
Und mir zugleich das ew’ge Leben,
Um Gotteswillen, tut’s beizeit. 1100
Lasst sehn, ob Ihr ein Meister seid.
Ihr sollt noch reizen mich dazu.
Ich weiss es wohl, um wen ich’s tu’.
In dessen Namen es geschieht,
Der unsre guten Dienste sieht 1105
Und lässt sie ungelohnet nicht.
Ich weiss wohl, dass er selber spricht,
Wer grosse Dienste leiste,
Des Lohn sei auch der meiste.
Drum halt’ ich diesen grimmen Tod 1110
Auch nur für eine süsse Not
Um solch gewissen Himmelslohn.
Liess’ ich die reiche Himmelskron’,
So wär’ zu töricht doch mein Sinn,
Da ich so arm geboren bin.” 1115
Nun sah er, dass unwandelbar
Und ohne Reu’ ihr Wille war.
Noch einmal führt’ er sie sodann
Hin zu dem armen, siechen Mann
Und sprach zu ihrem Herren: 1120
“Dem Zweifel lasst uns wehren,
Zum Werke sei die Magd nicht gut!
Nun habt Vertraun und guten Mut,
Ich mache bald Euch ganz gesund.”
Hin führt’ der Meister sie zur Stund 1125
In sein geheimes Arbeitszimmer,
Damit ihr Herr es sehe nimmer,
Verschloss vor ihm sogleich die Tür
Und warf noch einen Riegel für:
Er wollte nicht, dass er es seh’, 1130
Wie’s nun mit ihr zu Ende geh’.
In einer Kemenaten,
Die er gar wohl beraten
Mit Arzenein für jung und alt,
Hiess er die Jungfrau alsobald 1135
Vom Leibe ziehn der Kleider Zier.
Drob ward sie froh und fröhlich schier.
Sie riss die Näte gleich entzwei
Und war bald ihrer Kleider frei.
Als sie der Meister nun ansah, 1140
In seinem Herzen fühlt’ er da,
Wie sehr ihn dauerte die Maid,
Dass Herz und Mut vor Traurigkeit
Ihm beinah wären noch verzagt.
Da sah die gute, reine Magd 1145
Gar einen hohen Tisch da stehn,
Auf den hiess sie der Meister gehn.
Alsbald er fest darauf sie band
Und nahm ein Messer in die Hand,
Das nahe lag, gar lang und scharf, 1150
Des man für solches Werk bedarf.
So guten Stahl das Messer trug,
Dem Meister war’s nicht scharf genug.
Ihn jammerte die grosse Not,
Public-domain text, read in full here on John Shaqi.
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