Du musst mit Anstand dich betragen 335
Und niemand deinen Gruss versagen.
Wenn dich ein grauer weiser Mann
Zucht will lehren, wie er’s kann,
So folg’ ihm allerwegen
Und murre nicht dagegen. 340
Eins achte ferner nicht gering:
Wo eines guten Weibes Ring
Du kannst erwerben und ihr Grüssen,
So nimm’s; es wird dir Leid versüssen.
Küsse keck das holde Weib 345
Und drück’ es fest an deinen Leib;
Denn das gibt Glück und hohen Mut,
Sofern sie züchtig ist und gut.
Und endlich, Sohn, sollst du noch wissen:
Zwei Lande wurden dir entrissen 350
Von Lähelins, des stolzen, Hand,
Der deine Fürsten überrannt.
Ein Fürst von ihm den Tod empfing,
Indes dein Volk er schlug und fing.”
“Das soll er wahrlich nicht geniessen; 355
Ich werd’ ihn mit dem Pfeile spiessen.”
Dann in der frühsten Morgenzeit
War schon der Knabe fahrtbereit,
Der mir vom König Artus sprach.
Sie küsst ihn noch und lief ihm nach. 360
O Welt von Leid, was da geschah!
Als’ ihren Sohn sie nicht mehr sah’--
Dort ritt er hin, wann kehrt er wieder?--
Fiel Herzeloyd zur Erde nieder.
Ihr schnitt ins Herz der Trennung Schlag, 365
Dass ihrem Jammer sie erlag.
Doch seht, ihr vielgetreuer Tod,
Er wehrt von ihr der Hölle Not.
O wohl ihr, dass sie Mutter ward!
Sie fuhr zum Lohn des Heiles Fahrt, 370
Sie, eine Wurzel aller Güte,
Ein Stamm, auf dem die Demut blühte.
Ach, dass die Welt uns nicht beschied
Ihr Blut auch nur zum elften Glied!
Drum ist so wenigen zu traun. 375
Doch sollen nun getreue Fraun
Mit Segenswünschen ihn geleiten,
Den wir dort sehn von dannen reiten.
Es wandte sich der junge Fant
Hin nach dem Wald von Breceliand.[2] 380
Er kam an einen Bach geritten,
Den hätt’ ein Hahn wohl überschritten,
Doch weil da Gras mit Blumen spross,
So dass der Bach im Schatten floss,
Gedacht’ er an der Mutter Wort 385
Und trabte diesseits an ihm fort
Unverdrossen bis zur Nacht;
Die ward, wie’s eben ging, verbracht.
Am Morgen traf er eine Stelle,
Da rann das Wasser seicht und helle; 390
Hier ritt er durch und sah ein Feld,
Das schmückt’ ein grosses Prachtgezelt
Aus reichem Samt dreifarbig bunt,
Und alle Näte in der Rund’
Deckt feiner Borten Stickerei. 395
Die Lederhülse hing dabei,
Die, wenn es regnen wollte,
Man drüber ziehen sollte.
Des stolzen Herzogs von Lalander
Minnige Gemahlin fand er 400
Im Zelte, Frau Jeschute,
Die noch im Schlafe ruhte,
Zum Ritterslieb erschaffen:
Sie trug der Minne Waffen,
Einen Mund durchleuchtig rot, 405
Sehnenden Ritters Herzensnot.
Wie wonnig sie entschlummert war!
Halb offen stand ihr Lippenpaar,
Public-domain text, read in full here on John Shaqi.
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