Dann kam die Königin herein; 345
Ihr Antlitz gab so lichten Schein,
Sie meinten all’, es wolle tagen.
Als Kleid sah man die Jungfrau tragen
Arabiens schönste Weberei.
Auf einem grünen Achmardei[4] 350
Trug sie des Paradieses Preis,
Des Heiles Wurzel, Stamm und Reis.
Das war ein Ding, das hiess der Gral,
Ein Hort von Wundern ohne Zahl.
Repanse de Schoye sie hiess, 355
Durch die der Gral sich tragen liess.
Die hehre Art des Grales wollte,
Dass, die sein würdig pflegen sollte,
Die musste keuschen Herzens sein,
Vor aller Falschheit frei und rein. 360
Die Jungfraun tragen vor dem Gral
Sechs Glasgefässe lang und schmal,
Aus denen Balsamfeuer flammt.
Sie wandeln züchtig insgesamt
Mit abgemess’nem Schritte 365
Bis in des Saales Mitte.
Die Königin verneigte sich
Mit ihren Jungfraun feierlich
Und setzte vor den Herrn den Gral.
Gedankenvoll sass Parzival 370
Und blickte nach ihr unverwandt,
Die ihren Mantel ihm gesandt.
Drauf teilt sich all das Gralgeleite;
Zwölf Jungfraun stehn auf jeder Seite,
Und in der Mitte steht allein 375
Die Magd in ihrer Krone Schein.
Nun traten vor des Mahls Beginn
Die Kämm’rer zu den Rittern hin,
Ein jeder ihrer vier zu dienen
Mit lauem Wasser, das er ihnen 380
In schwerem goldnem Becken bot,
Dabei ein Jungherr wangenrot,
Das weisse Handtuch darzureichen.
Da sah man Reichtum ohnegleichen.
Der Tafeln mussten’s hundert sein, 385
Die man zur Türe trug herein,
Vor je vier Ritter eine;
Darauf von edlem Leine
Deckten sie mit Fleisse
Tischtücher blendend weisse. 390
Der Wirt in seiner stummen Qual
Nahm selber Wasser; Parzival
Wusch sich mit ihm zugleich die Hände.
Drauf bracht’ ein Grafensohn behende
Ein seidnes Handtuch farbenklar 395
Und bot es ihnen knieend dar.
Ein jeder Tisch, so viel da stehn,
Ist von vier Knappen zu versehn:
Die einen knien, um vorzuschneiden,
Aufwärter sind die andern beiden. 400
Nun rollen durch den Saal vier Wagen,
Die Goldgeschirr in Fülle tragen;
Das wird von Rittern unverweilt
An all die Tafeln ausgeteilt.
Man zog im Ring sie Schritt für Schritt, 405
Und jedem ging ein Schaffner mit,
Dem dieser Hort zur Hut befohlen,
Ihn nach dem Mahl zurückzuholen.
Hundert Knappen traten dann
Mit Tüchern auf der Hand heran; 410
Voll Ehrfurcht kamen sie gegangen,
Das Brot vom Grale zu empfangen.
Denn wie ich selber sie vernommen,
Soll auch zu euch die Märe kommen:
Was einer je vom Gral begehrt, 415
Das ward ihm in die Hand gewährt,
Speise warm und Speise kalt,
Ob sie frisch sei oder alt,
Ob sie wild sei oder zahm.
Public-domain text, read in full here on John Shaqi.
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