Wird nach und nach sein Lieb zu Leid,
Der lebt beständig lange Zeit
Von ihm getrennt. So steht mein Sinn:
Ich fahre bald mit ihr dahin
Und bleibe in der heil’gen Stadt, 70
Bis meine Frau vergessen hat
Die Liebe, die sie überkam
Von diesem Ritter lobesam.
Als es dem ward bekannt,
Der nach der Dame war entbrannt, 75
Beschloss der Liebende bei sich,
Ihr nachzufolgen schleuniglich.
Die strenge Kraft der Minne
Bezwang so seine Sinne,
Dass er ja um das schöne Weib 80
Hätte willig seinen Leib
In den grimmen Tod gebracht.
Drum wollt’ er, wie er’s ausgedacht,
Nicht lang verziehen mit der Fahrt.
Als nun die Dame inne ward 85
Der Absicht, die er hegte,
Rief heimlich ihn, so wie sie pflegte,
Zu sich das kaiserliche Weib
Und sagte: “Freund und lieber Leib,
Mein Mann ist auf den Plan gekommen, 90
Wie du wohl selber hast vernommen,
Mich zu entfernen weit von dir.
Nun, Trautgesell, gehorche mir
In deiner hochholdseligen Art
Und mach’ zunichte diese Fahrt, 95
Die er ersann zu meinem Weh.
Fahr’ du alleine über See;
Und hat er dann davon vernommen,
Dass du vor ihm dahin gekommen,
So bleibt er hier wohl stehen, 100
Und jener Argwohn wird vergehen,
Den er auf mich gelenkt.
Wenn er nun bei sich denkt:
‘Wär’ etwas Wahres an der Sünde,
Der ich mein Weib für schuldig finde, 105
Hätte der Ritter solchermassen
Das Land gewiss niemals verlassen.’
So wird der Argwohn bald entkräftet,
Den er bisher auf mich geheftet;
Auch soll es dir kein Leid bereiten, 110
Dich aufzuhalten dort im weiten,
Bis das Geschwätz wird einmal stumm,
Das hier zu Lande läuft herum.
Und bringt der süsse reine Christ
Dich wieder heim nach kurzer Frist, 115
So hast du’s besser künftiglich
Mit deiner Minne, wie auch ich,
Denn das Geplapper von uns zwein
Wird, hoff’ ich, ausgestorben sein.
Gott sei’s geklagt, dass du allhier 120
Nicht immer bleiben kannst bei mir,
Und ich bei dir, wie ich begehr’.
Nun komm zu mir, mein lieber Herr,
Und steck’ dir dieses Ringlein an:
Dich soll’s erinnern dann und wann, 125
Wie ich hier weil’ mit schwerem Sinn,
Weil ich von dir geschieden bin.
Jetzt küsse mich nur noch einmal
Und tue, wie ich dir befahl.”
Der werte Ritter trennte sich 130
Von ihr und ging wehmütiglich
Ans Ufer, wo ein Schiff sich fand,
Und fuhr nach dem gelobten Land.
Doch schwerer wurde mit der Zeit
Des Liebekranken Weh und Leid, 135
Es drang bis auf der Seele Grund,
Er ward von tiefer Sorge wund
Und klagte öfters von der Pein,
Die wütete im Herzen sein.
So lebt’ er jammervolle Tage 140
Und trieb so lange seine Klage,
Bis er am Ende kam so weit
In seinem grenzenlosen Leid,
Dass er nicht mehr mochte leben.
Public-domain text, read in full here on John Shaqi.
Reviews
Reviews
No reviews yet
Be the first to share your thoughts on this work.
Elsewhere in the archive
Join the Discussion
Join the discussion
Sign in to leave a comment or review.
Sign InorCreate an account