Solch elend Los war ihm gegeben, 145
Dass auch sein Äussres deutlich sprach
Von seinem inneren Ungemach.
Und als der Ritter wusste,
Dass er bald sterben musste,
Sprach er also zu seinem Knecht: 150
“Mein Trautgesell, vernimm mich recht!
Ich sehe leider wohl,
Dass ich bald sterben soll,
Weil die, die ich so sehr geliebt,
Grausam zu Tode mich getrübt. 155
Das ist nun meine Lage,
Drum höre, was ich sage:
Wenn meine allerletzte Not
Vorbei ist, und ich liege tot
Durch das holdselige Weib, 160
So lass aufschneiden meinen Leib
Und nimm mein Herz heraus,
All blutig und von Farbe graus.
Sodann sollst du es salben
Mit Balsam allenthalben; 165
So bleibt es frisch auf Jahr und Tag.
Und höre, was ich weiter sag’.
Schaff’ dir ein goldnes Büchselein,
Verziert mit edelem Gestein;
Darein mein totes Herze tu’ 170
Lege das Ringlein auch hinzu
Und bring’ es meiner Frauen,
Damit sie möge schauen,
Was ich von ihr erlitten,
Und wie mein Herz verschnitten 175
Um ihretwillen. Gott beglücke
Meine arme Seel’ und schicke,
Dass die weitentfernte Süsse
Glück und Lebensfreud’ geniesse,
Da ich hier nun liege tot.” 180
In solcher schweren Herzensnot
Verschied der Ritter. Mit dem Toten
Verfuhr der Knecht, wie ihm geboten:
Er kehrte heim mit heissem Schmerz
Und trug mit sich das tote Herz. 185
Doch als er durch die Gegend eilte,
Wo jene hohe Frau verweilte,
Kam ihm--es war sehr ungelegen--
Ihr werter Ehgemahl entgegen,
Bedrohte ihn mit scharfem Wort 190
Und nahm das Herze mit sich fort.
Dem Koche liess er’s überreichen,
Der eine Speise sondergleichen
Für seine Herrin machen sollte.
Der Koch tat, wie der Schlossherr wollte, 195
Und ganz unwissentlicher Weise
Genoss die Frau die ekle Speise.
Es deucht’ ihr gut, sie ass es gern
Und sprach also zu ihrem Herrn:
“Ist dieses Essen lobesam 200
Wild gewesen oder zahm?”
Der Herr erwiderte gemessen:
“Du hast des Ritters Herz gegessen,
Der mit so liebevollem Sinne
Stets trachtete nach deiner Minne. 205
Von sehnsuchtsvoller Herzensnot
Liegt er in weiter Ferne tot
Und hat sein Herz in dieses Land
Durch seinen Knecht zu dir gesandt.”
Entsetzen traf das holde Weib, 210
Das Herz erkaltet’ ihr im Leib,
Die Hände fielen ihr zum Schoss,
Das Blut ihr aus dem Munde goss;
Zuletzt sprach sie in tiefem Schmerz:
“Ass ich also des Freundes Herz, 215
Der stetig mich geliebt so sehr,
So sag’ ich Euch bei meiner Ehr’,
Dass keine andre Speise mir
Von diesem Tage für und für
Den Mund berührt. Ich folge nach 220
Dem Freunde, der nie Treue brach;
Ich weiss, ich komme bald ans Ende.”
Sie faltete die weissen Hände,
Public-domain text, read in full here on John Shaqi.
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