Anbetend knie' ich hier. 5
O süßes Graun, geheimes Wehn,
Als knieten viele ungesehn
Und beteten mit mir!
Der Himmel nah und fern,
Er ist so klar und feierlich, 10
So ganz, als wollt' er öffnen sich.
Das ist der Tag des Herrn!
* * * * *
23. DIE KAPELLE
Droben stehet die Kapelle,
Schauet still ins Tal hinab,
Drunten singt bei Wies' und Quelle
Froh und hell der Hirtenknab'.
Traurig tönt das Glöcklein nieder, 5
Schauerlich der Leichenchor;
Stille sind die frohen Lieder,
Und der Knabe lauscht empor.
Droben bringt man sie zu Grabe,
Die sich freuten in dem Tal; 10
Hirtenknabe, Hirtenknabe!
Dir auch singt man dort einmal.
* * * * *
24. MORGENLIED
Noch ahnt man kaum der Sonne Licht,
Noch sind die Morgenglocken nicht
Im finstern Tal erklungen.
Wie still des Waldes weiter Raum!
Die Vöglein zwitschern nur im Traum, 5
Kein Sang hat sich erschwungen.
Ich hab' mich längst ins Feld gemacht
Und habe schon dies Lied erdacht
Und hab' es laut gesungen.
* * * * *
25. FRÜHLINGSGLAUBE
Die linden Lüfte sind erwacht,
Sie säuseln und weben Tag und Nacht,
Sie schaffen an allen Enden.
O frischer Duft, o neuer Klang!
Nun, armes Herze, sei nicht bang! 5
Nun muß sich alles, alles wenden.
Die Welt wird schöner mit jedem Tag,
Man weiß nicht, was noch werden mag,
Das Blühen will nicht enden.
Es blüht das fernste, tiefste Tal; 10
Nun, armes Herz, vergiß der Qual!
Nun muß sich alles, alles wenden.
* * * * *
26. LOB DES FRÜHLINGS
Saatengrün, Veilchenduft,
Lerchenwirbel, Amselschlag,
Sonnenregen, linde Luft!
Wenn ich solche Worte singe,
Braucht es dann noch großer Dinge, 5
Dich zu preisen, Frühlingstag?
* * * * *
27. DAS SCHWERT
Zur Schmiede ging ein junger Held,
Er hatt' ein gutes Schwert bestellt;
Doch als er's wog in freier Hand,
Das Schwert er viel zu schwer erfand.
Der alte Schmied den Bart sich streicht: 5
"Das Schwert ist nicht zu schwer noch leicht,
Zu schwach ist Euer Arm, ich mein';
Doch morgen soll geholfen sein."
"Nein, heut, bei aller Ritterschaft!
Durch meine, nicht durch Feuers Kraft." 10
Der Jüngling spricht's, ihn Kraft durchdringt,
Das Schwert er hoch in Lüften schwingt.
* * * * *
28. DIE RACHE
Der Knecht hat erstochen den edeln Herrn,
Der Knecht wär' selber ein Ritter gern.
Er hat ihn erstochen im dunkeln Hain
Und den Leib versenket im tiefen Rhein.
Hat angeleget die Rüstung blank, 5
Auf des Herren Roß sich geschwungen frank.
Public-domain text, read in full here on John Shaqi.
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