Und als er sprengen will über die Brück',
Da stutzet das Roß und bäumt sich zurück.
Und als er die güldnen Sporen ihm gab,
Da schleudert's ihn wild in den Strom hinab. 10
Mit Arm, mit Fuß er rudert und ringt,
Der schwere Panzer ihn niederzwingt.
* * * * *
29. DER WIRTIN TÖCHTERLEIN
Es zogen drei Bursche wohl üher den Rhein,
Bei einer Frau Wirtin, da kehrten sie ein:
"Frau Wirtin, hat Sie gut Bier und Wein?
Wo hat Sie Ihr schönes Töchterlein?"
"Mein Bier und Wein ist frisch und klar. 5
Mein Töchterlein liegt auf der Totenbahr'."
Und als sie traten zur Kammer hinein,
Da lag sie in einem schwarzen Schrein.
Der erste, der schlug den Schleier zurück
Und schaute sie an mit traurigem Blick: 10
"Ach, lebtest du noch, du schöne Maid!
Ich würde dich lieben von dieser Zeit."
Der zweite deckte den Schleier zu,
Und kehrte sich ab und weinte dazu:
"Ach, daß du liegst auf der Totenbahr'! 15
Ich hab' dich geliebet so manches Jahr."
Der dritte hub ihn wieder sogleich
Und küßte sie an den Mund so bleich:
"Dich liebt' ich immer, dich lieb' ich noch heut
Und werde dich lieben in Ewigkeit." 20
* * * * *
30. DER GUTE KAMERAD
Ich hatt' einen Kameraden,
Einen bessern findst du nit
Die Trommel schlug zum Streite,
Er ging an meiner Seite
In gleichem Schritt und Tritt. 5
Eine Kugel kam geflogen;
Gilt's mir oder gilt es dir?
Ihn hat es weggerissen,
Er liegt mir vor den Füßen,
Als wär's ein Stück von mir. 10
Will mir die Hand noch reichen,
Derweil ich eben lad':
"Kann dir die Hand nicht geben;
Bleib du im ew'gen Leben
Mein guter Kamerad!" 15
* * * * *
31. TAILLEFER
Normannenherzog Wilhelm sprach einmal:
"Wer singet in meinem Hof und in meinem Saal?
Wer singet vom Morgen bis in die späte Nacht
So lieblich, daß mir das Herz im Leibe lacht?"
"Das ist der Taillefer, der so gerne singt 5
Im Hofe, wenn er das Rad am Brunnen schwingt,
Im Saale, wann er das Feuer schüret und facht,
Wann er abends sich legt und wann er morgens erwacht."
Der Herzog sprach: "Ich hab' einen guten Knecht,
Den Taillefer; der dienet mir fromm und recht, 10
Er treibt mein Rad und schüret mein Feuer gut
Und singet so hell; das höhet mir den Mut."
Da sprach der Taillefer: "Und wär' ich frei,
Viel besser wollt' ich dienen und singen dabei.
Wie wollt' ich dienen dem Herzog hoch zu Pferd! 15
Wie wollt' ich singen und klingen mit Schild und mit Schwert!"
Nicht lange, so ritt der Taillefer ins Gefild
Auf einem hohen Pferde mit Schwert und mit Schild.
Des Herzogs Schwester schaute vom Turm ins Feld;
Sie sprach: "Dort reitet, bei Gott, ein stattlicher Held." 20
Public-domain text, read in full here on John Shaqi.
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