* * * * *
124. EINGELEGTE RUDER
Meine eingelegten Ruder triefen,
Tropfen fallen langsam in die Tiefen.
Nichts, das mich verdroß! Nichts, das mich freute!
Niederrinnt ein schmerzenloses Heute!
Unter mir--ach, aus dem Licht verschwunden-- 5
Träumen schon die schönern meiner Stunden.
Aus der blauen Tiefe ruft das Gestern:
Sind im Licht noch manche meiner Schwestern?
* * * * *
125. EWIG JUNG IST NUR DIE SONNE
Heute fanden meine Schritte mein vergeßnes Jugendtal,
Seine Sohle lag verödet, seine Berge standen kahl.
Meine Bäume, meine Träume, meine buchendunkeln Höh'n--
Ewig jung ist nur die Sonne, sie allein ist ewig schön.
Drüben dort in schilf'gem Grunde, wo die müde Lache liegt, 5
Hat zu meiner Jugendstunde sich lebend'ge Flut gewiegt,
Durch die Heiden, durch die Weiden ging ein wandernd
Herdgetön---
Ewig jung ist nur die Sonne, sie allein ist ewig schön.
* * * * *
126. REQUIEM
Bei der Abendsonne Wandern
Wann ein Dorf den Strahl verlor,
Klagt sein Dunkel es den andern
Mit vertrauten Tönen vor.
Noch ein Glöcklein hat geschwiegen 5
Auf der Höhe his zuletzt.
Nun beginnt es sich zu wiegen,
Horch, mein Kilchberg läutet jetzt!
* * * * *
127. ABENDWOLKE
So stille ruht im Hafen
Das tiefe Wasser dort,
Die Ruder sind entschlafen,
Die Schifflein sind im Port.
Nur oben in dem Äther 5
Der lauen Maiennacht,
Dort segelt noch ein später
Friedfert'ger Ferge sacht.
Die Barke still und dunkel
Fährt hin im Dämmerschein 10
Und leisem Sterngefunkel
Am Himmel und hinein.
* * * * *
128. DAS GLÖCKLEIN
Er steht an ihrem Pfühl in herber Qual,
Den jungen Busen muß er keuchen sehn--
Er ist ein Arzt. Er weiß, sein traut Gemahl
Erblaßt, sobald die Morgenschauer wehn.
Sie hat geschlummert: "Lieber, du bei mir? 5
Mir träumte, daß ich auf der Alpe war,
Wie schön mir träumte, das erzähl' ich dir--
Du schickst mich wieder hin das nächste Jahr!
"Dort vor dem Dorf--du weißt den moos'gen Stein--
Saß ich umhallt von lauter Herdgetön, 10
An mir vorüber zogen mit Schalmei'n
Die Herden nieder von den Sommerhöh'n.
"Die Herden kehren alle heut nach Haus--
Das ist die letzte wohl? Nein, eine noch:
Noch ein Geläut klingt an und eins klingt aus! 15
Das endet nicht! Da kam das letzte doch!
"Mich überflutete das Abendrot,
Die Matten dunkelten so grün und rein,
Die Firnen brannten aus und waren tot,
Darüber glomm ein leiser Sternenschein-- 20
"Du horch! ein Glöcklein läutet in der Schlucht,
Verirrt, verspätet, wandert's ohne Ruh,
Ein armes Glöcklein, das die Herde sucht--
Aufwacht' ich dann, und bei mir warest du!
Public-domain text, read in full here on John Shaqi.
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