Ich freu’ mich an der Heide 5
Der hellen Augenweide,
Die uns jetzt aufgegangen;”
So sprach ein schmuckes Mägdelein,
“die will ich schön empfangen.
Lasst, Mutter, ohne Weilen
Mich hin zum Felde eilen 10
Und dort im Reihen springen.
Ich hörte wahrlich lange
nicht die Kinder Neues singen.”
“Ach nein doch, Tochter, nein doch!
Dich hab’ ich ganz allein doch
Genährt an meinen Brüsten; 15
Drum folg’ mir nur und lass dich
ja nach Männern nicht gelüsten.”
“Den ich Euch will nennen,
Den werdet Ihr ja kennen.
Zu dem ich voll Verlangen
Jetzt will, ist der von Reuental,
ihn will ich jetzt umfangen. 20
Es grünt ja an den Zweigen,
Dass berstend fast sich neigen
Die Bäume tief zur Erden.
Nun wisst nur, liebe Mutter mein,
der Knabe muss mir werden!
Mutter, ach schon lange 25
Verlangt er nach mir bange;
Soll ich dafür nicht danken?
Er sagt, dass ich die schönste sei
von Bayern bis nach Franken.”
+7+
+Neidhart von Reuental: Die tanzlustige Alte.+
Eine Alte fing zu springen
Munter wie ein Zicklein an, sie wollte Blumen bringen.
“Tochter, gib mir mein Gewand,
Ich muss an des Knappen Hand,
Er ist von Reuental genannt.”
Trara nuretum, trara nuri runtundeie!
“Mutter, bleibt doch nur bei Sinne!
Dieser Knappe denkt ja nicht je an treue Minne.”
“Tochter, lass mich ohne Not;
Ich weiss ja, was er mir entbot,
Nach seiner Minne bin ich tot.”
Trara nuretum, trara nuri runtundeie!
+8+
+Neidhart von Reuental: Die zwei Gespielen.+
Nun ist ganz vergangen
Der Winter kalt.
Mit Laube steht behangen
Der grüne Wald.
Wonniglich 5
Mit Stimmen, süss und freudiglich,
So singen jetzt die Vöglein Lob dem Maien.
Gehn auch wir zum Reihen!
Allen im Vereine
Kam froher Sinn. 10
Blumen in dem Haine
Hab’ nun weithin
Ich gesehn;
Aber ich kann nicht gestehn,
Dass mir mein langer Liebesgram verschwinde, 15
Er, mein treu Gesinde.
Zwei Gespielen fragten,
Wie’s jedem geh’.
Stille sie sich klagten
Ihr Herzensweh. 20
Eine sprach:
“Trauer, Leid und Ungemach,
Das zehret mir am Leib und allen Sinnen,
Freud’ ist nicht mehr drinnen.
Es lässt mich im Gemüte 25
Leid nicht in Ruh’.
Ein Freund voll hoher Güte
Zwingt mich dazu.
Bleibt der Mann
Fern doch, der mir’s angetan, 30
Dass langes Liebesleid sich bei mir mehret
Und mein Herz verzehret.”
“Sag’s nur frei von Herzen,
Was fehlt denn dir?
Macht dir die Liebe Schmerzen, 35
Dann folge mir:
Hab’ Geduld!
Ist ein lieber Mann dran schuld,
So trag es still im Herzen als dein eigen.
Ich will gern auch schweigen.” 40
Public-domain text, read in full here on John Shaqi.
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