Und er zu ihnen nun begann:
“Nun gehet ohne mich hindann
Und wollt besprechen euch dabei,
Wer unter euch der kränkste sei.
Ist er gefunden, tut’s mir kund-- 855
Bald sollt ihr werden dann gesund.
Den kränksten will ich nämlich töten,
Um euch zu helfen aus den Nöten
Mit seinem Blute allsogleich.
Mein Leben sei zum Pfande euch.” 860
Darob erschraken alle Siechen,
Und wer da kaum vermocht’ zu kriechen
Vor seiner Krankheit grimmer Not,
Der fürchtete, es sei sein Tod,
Wenn seine Not gemerkt man hab’, 865
Und ging dahin gar ohne Stab,
Wo sie die Unterredung hatten.
Vernehmet jetzo, wie sie taten.
Es dachte da ein jeder Mann:
“Wie klein ich auch behaupten kann, 870
Dass meiner Krankheit Leiden sei,
So redet einer doch dabei,
Das seine sei noch kleiner;
Dann redet wieder einer,
Das seine sei zweimal so klein. 875
Dann sprechen alle insgemein,
Ich sei der allerkränkste hie.
So sterbe ich, geheilt sind sie.
Drum will ich mich behüten eh’r
Und sagen, dass gesund ich wär’.” 880
So dachte er bei sich allein,
So dachten alle insgemein.
Und alle gaben zu verstehn,
Dass ihnen Gnade wär’ geschehn;
Sie wären munter und gesund. 885
Das taten sie dem Meister kund.
Er sprach: “Ihr wollt betrügen mich.”
Da schwor ein jeder feierlich
Bei seiner Treu’, es wäre wahr,
Nichts tät’ ihm weh, auch nicht ein Haar. 890
Da ward der Meister hoch erfreut.
“Geht hin nun,” sprach er, “liebe Leut’,
Und saget es dem Herzog an.”
Das wurde unverweilt getan:
Sie gingen hin und sagten an, 895
Sobald sie ihren Herren sahn,
Es wär’ ein heil’ger Mann gekommen;
Der Krankheit wären sie benommen.
Darob zu staunen er begann
Und fragte alle Mann für Mann, 900
Ob sie durch Lug ihn täuschten nicht.
Da zwang sie ihres Eides Pflicht,
Den sie Ameis, dem Pfaffen, taten,
Dass keine andre Red’ sie hatten,
Als die: “sie wären ganz gesund.” 905
Da liess an Silber zu der Stund’
Dem Pfaffen hundert Mark er geben.
Und dieser kannt’ kein Widerstreben,
Liess ab sich schnell das Silber wägen
Und forderte den Reisesegen; 910
Dann eilt’ hinweg er unverwandt.
[Notes:
1: Paris.]
+XXXII. FREIDANK.+
The assumed name of a popular gnomic poet who lived in the first half of
the 13th century. His fame rests on his _Bescheidenheit_, which means
the ‘wisdom’ or ‘sagacity’ that comes of experience. The book is a
miscellaneous collection of proverbial and aphoristic sayings. The
titles of those given below were supplied by the translator.
+1+
+Geheimnis der Seele.+
Public-domain text, read in full here on John Shaqi.
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