Ich wanderte an einem Tag
In einen wonniglichen Hag,
Darin die Vögel sungen;
Da kam ich unbezwungen
Auf einem wonniglichen Raume 5
Zu einem dichtbelaubten Baume,
An deren Wurzeln wundervoll
Hervor ein kaltes Brünnlein quoll.
Da fand ich sitzen hart anbei
Drei Frauen alle mangelfrei, 10
Minne, Stæt’ und Gerechtigkeit.
Die erste klagt’ ihr Herzensleid,
Bezwungen von des Schmerzes Not;
Sie sprach: “Ich bin beinahe tot
An Ehren und an Sinnen: 15
Die mich sollten minnen,
Sie sind ein ehrloses Geschlecht.
Da ich nun, Minne, mit Unrecht
Auf Erden kam zu solchem Leben,
Sollt ihr getreuen Rat mir geben. 20
Gerechtigkeit, in Gottes Namen,
Von dem die zehn Gebote kamen,
Macht, dass mein Recht mir werd’ erteilt:
Wer Minne lasterhaft vergeilt
Und reiner Frauen Würdigkeit, 25
Der büss’ es! Das ist nun mein Leid.”
Gerechtigkeit sprach zu der Stæte:
“Wir hätten nötig gute Räte,
Um recht zu richten die Geschicht’.”
Frau Stæte sprach mit Worten schlicht: 30
“Nun hört und merkt, was ich will sagen:
Wem Minne Hass mag tragen,
Den wollen wir in aller Schnelle
Sogleich verhören auf der Stelle.”
Gerechtigkeit tat auf den Mund: 35
“Macht uns allhier mit Worten kund,
Durch wen Ihr leidet solche Pein.”
Frau Minne sprach: “Der Jammer mein
Ist leider hart und schauderhaft,
Weil mancher Prahler lügenhaft 40
Von reinen Frauen faselt. Ach,
Dass Gott ihn nicht mit seinem Schlag
Getroffen aller Welt zur Lehr’!
Das würde mich erfreuen sehr,
Wie ich bekenne öffentlich. 45
Die schnöden Dinge liebt er sich
Und schwatzt von dem, was er nie sah.
Drum sollt’ er in die Höll’ und da
Die heisse Loh ihn sengen,
Der Teufel hart bedrängen, 50
Zur Ahndung seiner falschen List,
Weil er ein loser Schwätzer ist.
Darüber sollt ihr richten mir.”
Gerechtigkeit erwidert’ ihr:
“So sei’s! Ein Urteil soll geschehn: 55
Ihn soll kein lieblich Aug’ ansehn,
Von einer reinen Frauen zart;
Ihr Mund sei gegen ihn verspart,
Dass ihm kein Gruss mag werden kund
Von einem rosenroten Mund. 60
Das ist der strenge Wille mein.”
Frau Stæte sprach: “Ich leid’ auch Pein
In meinem Herzen mannigfalt:
Ich habe Diener, jung und alt,
Die sagen, dass sie stätig sein 65
Und tun das öffentlich zum Schein
Bei reinen Frauen manchmal kund;
Doch tief in ihres Herzens Grund
Liegt falscher List ein grosser Hort:
Das ist der Seele arger Mord 70
Und reiner Frauen Ungewinn.
Ich wollt’, wer hätt’ so falschen Sinn,
Dass dem doch aus dem Munde sein
Die Zähne wüchsen, wie dem Schwein;
Daran erkenntlich wären die Leut’, 75
Und reine Frauen leicht befreit
Von jener Schälkchen loser Schar
Public-domain text, read in full here on John Shaqi.
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