Hiebei verbleibt es nicht. Die schwärmende Vernunft
Der von der Hungersucht bethörten Dichterzunft,
Die sich durch falsche Kunst auf den Parnass geschlichen, 45
Von der gesetzten Bahn der Alten abgewichen,
Mit frecher Hurtigkeit gefüllte Bogen schmiert
Und alle Messen fast ein totes Werk gebiert,
Wird so verwegen schon, dass sie Gesetze stellet,
Der Griechen Zärtlichkeit das Todesurteil fället, 50
Des Maro klugen Witz in Kinderklassen weist,
Horazens Dichterbuch verrauchte Grillen heisst,
Und alles, was sich nur nach alter Kraft beweget,
Auf lüsterndem[3] Papier mit Tinte niederschläget.
Da nun das Wespenheer von Tag zu Tage wächst, 55
Und jeder Knabe schon nach Narrenwasser lechzt,
Was Wunder ist es denn, wenn Ruhm und Ehre stirbet,
Die Kunst zu Grabe geht, die Tugend gar verdirbet? ...
So viel als Reimer sind, so viel und mancherlei
Wirkt in der Poesie nun auch die Phantasei. 60
Ein halb mit Pickelscherz[4] vermengtes Operettchen,
Ein stinkender Roman vom rasenden Chrysettchen,
Ein geiles Myrtenlied und ein nach dem Adon
Des üppigen Marin[5] erbauter Venusthron,
Der der Geliebten Schoss bis auf den Grund entdecket 65
Und Büsch’ und Brunnen draus und Vogelnester hecket,
Ein lügenvolles Lob, das uns ins Angesicht
Den lastervollen Ruf der Toten widerspricht,
Ein rohes Trauerspiel, in dem die Regeln fehlen,
Und so viel Schnitzer fast als Silben sind zu zählen, 70
Ein Brief,[6] den Adam schon der Eva zugesandt,
Da beide dazumal doch keine Schrift gekannt,
Ein kreissendes Sonett, das mit dem Tode ringet
Und der Gedanken Rad so wie die Reime zwinget,
Und ein nach Pöbelart gepriesner Buhlerblick 75
Ist oft bei dieser Zeit das grösste Meisterstück.
So lang ich meinen Vers nach gleicher Art gewogen,
Dem Bilde der Natur die Schminke vorgezogen,
Der Reime dürren Leib mit Purpur ausgeschmückt
Und abgeborgte Kraft den Wörtern angeflickt, 80
So war ich auch ein Mann von hohen Dichtergaben;
Allein sobald ich nur der Spure nachgegraben,
Auf der man zur Vernunft beschämt zurücke kreucht
Und endlich nach und nach nur den Parnass erreicht,
So ist es aus mit mir, so kommt von seinem Suschen 85
Ein mit Ebräerwitz gespicktes Philomuschen,[7]
Klaubt ihm ein Jugendwort in meinen Schriften aus
Und untergräbt damit mein ganzes Ehrenhaus.
Public-domain text, read in full here on John Shaqi.
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