Unsers Lebens schnelle Flucht
Leidet keinen Zügel,
Und des Schicksals Eifersucht 10
Macht ihr stetig Flügel;
Zeit und Jahre fliehn davon,
Und vielleichte schnitzt man schon
An unsers Grabes Riegel.
Wo sind diese, sagt es mir, 15
Die vor wenig Jahren
Eben also, gleich wie wir,
Jung und fröhlich waren?
Ihre Leiber deckt der Sand,
Sie sind in ein ander Land 20
Aus dieser Welt gefahren.
Wer nach unsern Vätern forscht,
Mag den Kirchhof fragen;
Ihr Gebein, so längst vermorscht,
Wird ihm Antwort sagen. 25
Kann uns doch der Himmel bald,
Eh die Morgenglocke schallt,
In unsre Gräber tragen.
Unterdessen seid vergnügt,
Lasst den Himmel walten, 30
Trinkt, bis euch das Bier besiegt,
Nach Manier der Alten.
Fort! Mir wässert schon das Maul,
Und, ihr andern, seid nicht faul,
Die Mode zu erhalten. 35
Dieses Gläschen bring’ ich dir,
Dass die Liebste lebe
Und der Nachwelt bald von dir
Einen Abriss gebe!
Setzt ihr andern gleichfalls an, 40
Und wenn dieses ist gethan,
So lebt der edle Rebe.
+2+
+An Leonoren.+
Als er sich mit ihr wieder zu versöhnen suchte.
Kluge Schönheit, nimm die Busse
Eines armen Sünders an,
Welcher dir mit einem Kusse
Gestern Abends weh gethan,
Und auf deinen Rosenwangen 5
Einen schönen Raub begangen.
Ich gesteh’ es, mein Verbrechen
Ist der schärfsten Strafe wert,
Und du magst ein Urteil sprechen,
Wie dein Wille nur begehrt; 10
Dennoch würd’ ich zu den Füssen
Deiner Gnade danken müssen.
Aber weil ihr Himmelskinder
Eurem Vater ähnlich seid,
Welcher auch die gröbsten Sünder 15
Seines Eifers oft befreit,
Ach, so werden meine Zähren
Deinen Zorn in Liebe kehren.
Gönne mir nur dieses Glücke,
Bald mit dir versöhnt zu sein, 20
Bis nach manchem kalten Blicke
Deiner Augen Sonnenschein
Mir und meiner Hoffnung lache
Und mich endlich kühner mache.
+3+
+Die verworfene Liebe.+
Ich habe genug!
Lust, Flammen und Küsse
Sind giftig und süsse
Und machen nicht klug;
Komm, selige Freiheit, und dämpfe den Brand, 5
Der meinem Gemüte die Weisheit entwandt.
Was hab’ ich gethan!
Jetzt seh’ ich die Triebe
Der thörichten Liebe
Vernünftiger an; 10
Ich breche die Fessel, ich löse mein Herz
Und hasse mit Vorsatz den zärtlichen Schmerz.
Was quält mich vor Reu’?
Was stört mir vor Kummer
Den nächtlichen Schlummer? 15
Die Zeit ist vorbei.
O köstliches Kleinod, o teurer Verlust!
O hätt’ ich die Falschheit nur eher gewusst!
Public-domain text, read in full here on John Shaqi.
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