Bist du denn noch Leonore,
Der so manch verliebter Schwur
(Sinne nach, bei welchem Thore!)
Unter Kuss und Schmerz entfuhr,
Ach, so nimm die stummen Lieder 5
Eben noch mit dieser Hand,
Die mir ehmals Herz und Glieder
Mit der stärksten Reizung band.
Durch dein sehnliches Entbehren
Werd’ ich vor den Jahren grau, 10
Und der Zufluss meiner Zähren
Mehrt schon lange Reif und Tau;
Meine Schwachheit, mein Verbleichen
Und die Brust, so stündlich lechzt,
Wird des Kummers Siegeszeichen, 15
Der aus unsrer Trennung wächst.
Lust und Mut und Geist zum Dichten,
Feuer, Jugend, Ruhm und Fleiss
Suchen mit Gewalt zu flüchten
Und verlieren ihren Preis, 20
Weil der Zunder deiner Küsse
Meinen Trieb nicht mehr erweckt
Und die Führung harter Schlüsse
Ein betrübtes Ziel gesteckt.
Alle Bilder meiner Sinnen 25
Sind mir Ekel und Verdruss,
Da sie nichts als Gram gewinnen,
Weil ich dich noch suchen muss.
Nichts ergetzt mich mehr auf Erden
Als das Weinen in der Nacht, 30
Wenn es unter viel Beschwerden
Dein Gedächtnis munter macht.
Jedes Blatt von deinen Händen
Ist ein Blatt voll Klag’ und Weh,
Und ich kann es niemals wenden, 35
Dass kein Stich ans Herze geh’;
Die Versichrung leerer Zeilen
Giebt den Leibern wenig Kraft,
Welche Luft und Ort zerteilen.
O bedrängte Leidenschaft! 40
+7+
+Die seufzende Geduld.+
Morgen wird es besser werden,
Also seufzt mein schwacher Geist,
Den die Menge der Beschwerden
Über allen Abgrund reisst.
Aber ach, wenn bricht der Morgen 5
Und das Licht der Hoffnung an,
Da ich die so langen Sorgen
Nach und nach vergessen kann?
Sklaven auf den Ruderbänken
Wechseln doch mit Müh’ und Ruh’, 10
Dies mein unaufhörlich Kränken
Lässt mir keinen Schlummer zu.
Niemand klagt mein schweres Leiden,
Dies vergrössert Last und Pein.
Himmel, lass mich doch verscheiden, 15
Oder gieb mir Sonnenschein!
Will ich mich doch gerne fassen,
Wenn mich nur der Trost erquickt,
Dass dein ewiges Verlassen
Mich nicht in die Grube schickt. 20
+LXII. BARTHOLD HEINRICH BROCKES+
A writer of rather mediocre gifts who is of some historical importance
as the pioneer in a new poetry of nature (1680-1747). He was the first
to blend reverent emotion with very minute observation and description.
His thesis--as oft reiterated in his many-volumed _Earthly Pleasure in
God_--is that we _ought_ to love nature because it is the wonderful and
perfect work of an infinitely wise and good Creator. The selections
follow Kürschner’s _Nationalliteratur_, Vol. 39.
+1+
+Anmutige Frühlingsvorwürfe.+
Public-domain text, read in full here on John Shaqi.
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