§ 12. Es war einmal ein Prinz, wird es heissen, der sehr viel gute
Eigenschaften an sich hatte, aber dabey verwegen, argwöhnisch und
neugierig war. Dieser hatte einmal, vor dem Antritte seiner Regierung,
auf freyem Felde einen Mord begangen; ohne zu wissen, dass er seinen
eigenen Vater erschlagen hatte. Durch seinen Verstand bringet er sich in
einem fremden Lande in solches Ansehen, dass er zum Könige gemacht wird,
und die verwittibte Königinn heurathet, ohne zu wissen, dass selbige
seine eigene Mutter ist. Aber dieses alles geht ihm nicht für genossen
aus. Seine Laster kommen ans Licht, und es treffen ihn alle die Flüche,
die er selbst auf den Mörder seines Vorfahren im Regimente ausgestossen
hatte. Er wird des Reiches entzetzet, und ins Elend getrieben, nachdem
er sich selbst aus Verzweifelung der Augen beraubet hatte. Zu dieser
allgemeinen Fabel nun findet Sophokles in den alten thebanischen
Geschichten den Oedipus geschickt. Er ist ein solcher Prinz, als die
Fabel erfordert: Er hat unwissend einen Vatermord und eine Blutschande
begangen. Er ist dadurch auf eine Zeitlang glücklich geworden: Allein
die Strafe bleibt nicht aus; sondern er muss endlich alle die Wirkungen
seiner unerhörten Laster empfinden.
§ 13. Diese Fabel ist nun geschickt, Schrecken und Mitleiden zu
erwecken, und also die Gemüthsbewegungen der Zuschauer auf eine der
Tugend gemässe Weise zu erregen. Man sieht auch, dass der Chor in dieser
Tragödie dadurch bewogen wird, recht erbauliche Betrachtungen, über die
Unbeständigkeit des Glückes der Grossen dieser Welt, und über die
Schandbarkeit seiner Laster anzustellen, und zuletzt in dem Beschlusse
die Thebaner so anzureden: Ihr Einwohner von Theben, sehet hier den
Oedipus, der durch seine Weisheit Räthsel erklären konnte, und an
Tapferkeit alles übertraf; ja der seine Hohheit sonst keinem, als seinem
Verstande und Heldenmuthe zu danken hatte: Seht, in was für schreckliche
Trübsalen er gerathen ist; und wenn ihr dieses unselige Ende desselben
erweget, so lernt doch niemanden für glücklich halten, bis ihr ihn seine
letzte Stunde glücklich habt erreichen gesehen.
§ 14. Eine solche Fabel nun zu erdichten, sie recht wahrscheinlich
einzurichten, und wohl auszuführen, das ist das allerschwerste in einer
Tragödie. Es hat viele Poeten gegeben, die in allem andern Zubehör des
Trauerspiels, in den Charactern, in dem Ausdrucke, in den Affecten
u.s.w. glücklich gewesen: Aber in der Fabel ist es sehr wenigen
gelungen. Das macht, dass dieselbe eine dreyfache Einheit haben muss,
wenn ich so reden darf: Die Einheit der Handlung, der Zeit, und des
Ortes. Von allen dreyen müssen wir insonderheit handeln.
Public-domain text, read in full here on John Shaqi.
Reviews
Reviews
No reviews yet
Be the first to share your thoughts on this work.
Elsewhere in the archive
Join the Discussion
Join the discussion
Sign in to leave a comment or review.
Sign InorCreate an account