§ 15. Die ganze Fabel hat nur eine Hauptabsicht, nemlich einen
moralischen Satz: Also muss sie auch nur eine Haupthandlung haben, um
derentwegen alles übrige vorgehet. Die Nebenhandlungen aber, die zur
Ausführung der Haupthandlung gehören, können gar wohl andre moralische
Wahrheiten in sich schliessen: Wie zum Exempel in Oedipus die Erfüllung
der Orakel, darüber Iocasta vorher gespottet hatte, die Lehre giebt:
Dass die göttliche Allwissenheit nicht fehlen könne. Alle Stücke sind
also tadelhaft und verwerflich, die aus zwoen Handlungen bestehen, davon
keine die vornehmste ist. Ich habe dergleichen im Jahr 1717 am
Reformationsfeste in einer Schulcomödie vorstellen gesehen, wo der
Inhalt der Aeneis Virgilii, und die Reformation Lutheri zugleich
vorgestellet wurde. In einem Auftritte war ein Trojaner, in dem andern
der Ablasskrämer Tetzel zu sehen. Bald handelte Aeneas von der Stiftung
des römischen Reichs, bald kam Lutherus und reinigte die Kirche. Bald
war Dido, bald die babylonische Hure zu sehen u.s.w. Und diese beyde so
verschiedene Handlungen hiengen nicht anders zusammen, als durch eine
lustige Person, die zwischen solchen Vorstellungen auftrat, und z.E. den
auf der See bestürmten Aeneas mit dem in Gefahr schwebenden
Kirchenschifflein verglich. Das ist nun ein sehr handgreiflicher Fehler,
wo zwey so verschiedene Dinge zugleich gespielet werden. Allein die
andern, so etwas unmerklicher sind, verdienen deswegen keine
Entschuldigung.
§ 16. Die Einheit der Zeit ist das andre, so in der Tragödie
unentbehrlich ist. Die Fabel eines Heldengedichtes kann viele Monate
dauren, wie oben gewiesen worden; das macht, sie wird nur gelesen: Aber
die Fabel eines Schauspieles, die mit lebendigen Personen in etlichen
Stunden lebendig vorgestellet wird, kann nur einen Umlauf der Sonnen,
wie Aristoteles spricht, das ist einen Tag, dauren. Denn was hat es für
eine Wahrscheinlichkeit, wenn man in dem ersten Auftritte den Helden in
der Wiege, weiter hin als einen Knaben, hernach als einen Jüngling,
Mann, Greis, und zuletzt gar im Sarge vorstellen wollte: Wie Cervantes
solche thörichte Schauspiele an seinen spanischen Poeten im Don Quixote
ausgelachet hat. Oder wie ist es wahrscheinlich, dass man es auf der
Schaubühne etlichemal Abend werden sieht, und doch selbst, ohne zu essen
oder zu trinken, oder zu schlafen, immer auf einer Stelle sitzen bleibt?
Die besten Fabeln sind also diejenigen, die nicht mehr Zeit nöthig
gehabt hätten, wirklich zu geschehen, als sie zur Vorstellung brauchen;
das ist etwa drey oder vier Stunden: Und so sind die Fabeln der meisten
griechischen Tragödien beschaffen. Kömmt es hoch, so bedörfen sie sechs,
acht, oder zum höchsten zehn Stunden zu ihrem ganzen Verlaufe: Und höher
muss es ein Poet nicht treiben; wenn er nicht wieder die
Wahrscheinlichkeit handeln will.
Public-domain text, read in full here on John Shaqi.
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