§ 17. Es müssen aber diese Stunden bey Tage, und nicht bey Nacht seyn,
weil diese zum Schlafen bestimmet ist: Es wäre denn dass die Handlung
entweder in der Nacht vorgegangen wäre, oder erst nach Mittag anfienge,
und sich bis in die späte Nacht verzöge; oder umgekehrt frühmorgens
angienge, und bis zu Mittage daurete. Der berühmte Cid des Corneille
läuft in diesem Stücke wieder die Regeln, denn er dauret eine ganze
Nacht durch, nebst dem vorigen und folgenden Tage, and braucht
wenigstens volle vier und zwanzig Stunden: Welches schon viel zu viel
ist, und unerträglich seyn würde, wenn das Stück nicht sonst viel andre
Schönheiten in sich hätte, die den Zuschauern fast nicht Zeit liessen,
daran zu gedenken. Das ist nun eben die Kunst, die Fabel so ins kurze zu
bringen, dass keine lange Zeit dazu gehöret; und eben deswegen sind auch
bey uns Deutschen die Tragödien vom Wallenstein, von der Banise,
ingleichen von der böhmischen Libussa ganz falsch und unrichtig: Weil
sie zum Theil etliche Monate, zum Theil aber viele Jahre zu ihrer Dauer
erfordern. Meine obrige Schultragödie hub sich von dem Urtheile des
Paris über die drey Göttinnen an, und daurete bis auf des Aeneas Ankunft
in Italien. Das war nun eine Zeit, davon die zwey Heldengedichte, Ilias
und Aeneis, nicht den zwanzigsten Theil einnehmen, und ich zweifle, ob
man die Ungereimtheit höher hätte treiben können.
§ 18. Zum dritten gehört zur Tragödie die Einigkeit des Ortes. Die
Zuschauer bleiben auf einer Stelle sitzen: Folglich müssen auch die
spielenden Personen alle auf einem Platze bleiben, den jene übersehen
können, ohne ihren Ort zu ändern. So ist im Oedipus, z.E. der Schauplatz
auf dem Vorhofe des königlichen thebanischen Schlosses, darinn Oedipus
wohnt. Alles, was in der ganzen Tragödie vorgeht, das geschieht vor
diesem Pallaste: Nichts was man wirklich sieht, trägt sich in den
Zimmern zu, sondern draussen auf dem Schlossplatze, vor den Augen alles
Volks. Heute zu Tage, da unsre Fürsten alles in ihren Zimmern
verrichten, fällt es also schwerer, solche Fabeln wahrscheinlich zu
machen. Daher nehmen denn die Poeten gemeiniglich alte Historien dazu,
oder sie stellen uns auch einen grossen Audienzsaal vor, darinn
vielerley Personen auftreten können. Ja sie helfen sich auch zuweilen
mit dem Vorhange, den sie fallen lassen und aufziehen, wenn sie zwey
Zimmer zu der Fabel nöthig haben. Man kann also leicht denken, wie
ungereimt es ist, wenn, nach dem Berichte des Cervantes, die spanischen
Trauerspiele den Helden in dem ersten Aufzuge in Europa, in dem andern
in Africa, in dem dritten in Asien, und endlich gar in America
vorstellen: Oder, wenn meine obgedachte Schulcomödie uns bald in Asien
die Stadt Troja, bald die ungestüme See, darauf Aeneas schiffet, bald
Carthago, bald Italien vorstellete, und uns also durch alle drey Theile
der damals bekannten Welt, führete, ohne dass wir uns von der Stelle
rühren dorften. Es ist also in einer regelmässigen Tragödie nicht
erlaubt, den Schauplatz zu ändern.
Public-domain text, read in full here on John Shaqi.
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