MARWOOD. Erinnerst du dich aber, welchen nichtswürdigen Kunstgriffen du
sie zu verdanken hattest? Ward ich nicht von dir beredet, dass du dich
in keine öffentliche Verbindung einlassen könntest, ohne einer Erbschaft
verlustig zu werden, deren Genuss du mit niemand als mit mir teilen
wolltest? Ist es nun Zeit, ihrer zu entsagen? Und ihrer für eine andre
als für mich zu entsagen?
MELLEFONT. Es ist mir eine wahre Wollust, Ihnen melden zu können, dass
diese Schwierigkeit nunmehr bald wird gehoben sein. Begnügen Sie sich
also nur, mich um mein väterliches Erbteil gebracht zu haben, und lassen
mich ein weit geringeres mit einer würdigern Gattin geniessen.
MARWOOD. Ha! Nun seh’ ich’s, was dich eigentlich so trotzig macht! Wohl,
ich will kein Wort mehr verlieren. Es sei darum! Rechne darauf, dass ich
alles anwenden will, dich zu vergessen. Und das erste, was ich in dieser
Absicht tun werde, soll dieses sein-- Du wirst mich verstehen! Zittre
für deine Bella! Ihr Leben soll das Andenken meiner verachteten Liebe
auf die Nachwelt nicht bringen; meine Grausamkeit soll es tun. Sieh in
mir eine neue Medea!
MELLEFONT (_erschrocken_). Marwood--
MARWOOD. Oder wenn du noch eine grausamere Mutter weisst, so sieh sie
gedoppelt in mir! Gift und Dolch sollen mich rächen. Doch nein, Gift und
Dolch sind zu barmherzige Werkzeuge! Sie würden dein und mein Kind zu
bald töten. Ich will es nicht gestorben sehen; sterben will ich es
sehen! Durch langsame Martern will ich in seinem Gesichte jeden
ähnlichen Zug, den es von dir hat, sich verstellen, verzerren und
verschwinden lassen. Ich will mit begieriger Hand Glied von Glied, Ader
von Ader, Nerve von Nerve lösen und das kleinste derselben auch da noch
nicht aufhören zu schneiden und zu brennen, wenn es schon nichts mehr
sein wird als ein empfindungsloses Aas. Ich--ich werde wenigstens dabei
empfinden, wie süss die Rache sei!
MELLEFONT. Sie rasen, Marwood--
MARWOOD. Du erinnerst mich, dass ich nicht gegen den rechten rase. Der
Vater muss voran! Er muss schon in jener Welt sein, wenn der Geist
seiner Tochter unter tausend Seufzern ihm nachzieht-- (_Sie geht mit
einem Dolche, den sie aus dem Busen reisst, auf ihn los_). Drum stirb,
Verräter!
MELLEFONT. (_der ihr in den Arm fällt und den Dolch entreisst)._
Unsinniges Weibsbild! Was hindert mich nun, den Stahl wider dich zu
kehren? Doch lebe, und deine Strafe müsse einer ehrlosen Hand aufgehoben
sein!
MARWOOD (_mit gerungenen Händen_). Himmel, was hab’ ich getan?
Mellefont--
MELLEFONT. Deine Reue soll mich nicht hintergehen! Ich weiss es doch
wohl, was dich reuet; nicht dass du den Stoss tun wollen, sondern dass
du ihn nicht tun können.
MARWOOD. Geben Sie mir ihn wieder, den verirrten Stahl! Geben Sie mir
ihn wieder! und Sie sollen es gleich sehen, für wen er geschliffen ward.
Für diese Brust allein, die schon längst einem Herzen zu enge ist, das
eher dem Leben als Ihrer Liebe entsagen will.
Public-domain text, read in full here on John Shaqi.
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