Er hätte aus unsern alten dramatischen Stücken, welche er vertrieb,
hinlänglich abmerken können, dass wir mehr in den Geschmack der
Engländer als der Franzosen einschlagen; dass wir in unsern
Trauerspielen mehr sehen und denken wollen, als uns das furchtsame
französische Trauerspiel zu sehen und zu denken gibt; dass das Grosse,
das Schreckliche, das Melancholische besser auf uns wirkt als das
Artige, das Zärtliche, das Verliebte; dass uns die zu grosse Einfalt
mehr ermüde als die zu grosse Verwickelung u.s.w. Er hätte also auf
dieser Spur bleiben sollen, und sie würde ihn geraden Weges auf das
englische Theater geführet haben. --Sagen Sie ja nicht, dass er auch
dieses zu nutzen gesucht, wie sein ‘Cato’ es beweise. Denn eben dieses,
dass er den Addisonschen ‘Cato’ für das beste englische Trauerspiel
hält,[5] zeiget deutlich, dass er hier nur mit den Augen der Franzosen
gesehen und damals keinen Shakespeare, keinen Jonson, keinen Beaumont
und Fletcher u.s.w. gekannt hat, die er hernach aus Stolz auch nicht hat
wollen kennen lernen.
Wenn man die Meisterstücke des Shakespeare, mit einigen bescheidenen
Veränderungen, unsern Deutschen übersetzt hätte, ich weiss gewiss, es
würde von bessern Folgen gewesen sein, als dass man sie mit dem
Corneille und Racine so bekannt gemacht hat. Erstlich würde das Volk an
jenem weit mehr Geschmack gefunden haben, als es an diesen nicht finden
kann; und zweitens würde jener ganz andre Köpfe unter uns erweckt haben,
als man von diesen zu rühmen weiss. Denn ein Genie kann nur von einem
Genie entzündet werden, und am leichtesten von so einem, das alles bloss
der Natur zu danken zu haben scheinet, und durch die mühsamen
Vollkommenheiten der Kunst nicht abschrecket.
Auch nach den Mustern der Alten die Sache zu entscheiden, ist
Shakespeare ein weit grösserer tragischer Dichter als Corneille,
obgleich dieser die Alten sehr wohl und jener fast gar nicht gekannt
hat. Corneille kömmt ihnen in der mechanischen Einrichtung und
Shakespeare in dem Wesentlichen näher. Der Engländer erreicht den Zweck
der Tragödie fast immer, so sonderbare und ihm eigne Wege er auch
wählet, und der Franzose erreicht ihn fast niemals, ob er gleich die
gebahnten Wege der Alten betritt. Nach dem ‘Oedipus’ des Sophokles muss
in der Welt kein Stück mehr Gewalt über unsere Leidenschaften haben als
‘Othello,’ als ‘König Lear,’ als ‘Hamlet’ u.s.w. Hat Corneille ein
einziges Trauerspiel, das Sie nur halb so gerühret hätte als die ‘Zaire’
des Voltaire? Und die ‘Zaire’ des Voltaire, wie weit ist sie unter dem
‘Mohren von Venedig,’ dessen schwache Copie sie ist, und von welchem der
ganze Charakter des Orosmans entlehnet worden?
Public-domain text, read in full here on John Shaqi.
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