So löset sich auch der Zweifel eines sprachgelehrten Mannes hiemit
leicht auf: ‘Ich weiss nicht, ob es wahr ist, was man in vielen Büchern
wiederholet hat, dass bei allen Nationen, die sich durch die schönen
Wissenschaften hervorgetan haben, die Poesie eher als die Prose zu einer
gewissen Höhe gestiegen sei.’ Es ist allerdings wahr, was alle alte
Schriftsteller einmütig behaupten, und was in den neuen Büchern wenig
angewandt ist, dass die Poesie lange vorher, ehe es Prose gab, zu ihrer
grössten Höhe gestiegen sei, dass diese Prose darauf die Dichtkunst
verdrungen, und diese nie wieder ihre vorige Höhe erreichen können. Die
ersten Schriftsteller jeder Nation sind Dichter: die ersten Dichter
unnachahmlich: zur Zeit der schönen Prose wuchs in Gedichten nichts als
die Kunst: sie hatte sich schon über die Erde erhoben und suchte ein
Höchstes, bis sie ihre Kräfte erschöpfte und im Äther der
Spitzfindigkeit blieb. In der spätern Zeit hat man bloss versifizierte
Philosophie oder mittelmässige Poesie.
[Notes:
1: First Collection (1767); see Suphan’s edition of Herder’s
works, Vol. I, page 152.]
2
_From ‘Critical Forests’[2]: Power, not sequence of tones, the essence
of poetry._
Ich läugne es also, dass Gegenstände, die auf einander oder deren Teile
auf einander folgen, deswegen überhaupt Handlungen heissen: und ebenso
läugne ich, dass, weil die Dichtkunst Successionen liefre, sie deswegen
Handlungen zum Gegenstande habe. Der Begriff des Successiven ist zu
einer Handlung nur die halbe Idee: es muss ein Successives durch Kraft
sein: so wird Handlung. Ich denke mir ein in der Zeitfolge wirkendes
Wesen, ich denke mir Veränderungen, die durch die Kraft einer Substanz
auf einander folgen: so wird Handlung. Und sind Handlungen der
Gegenstand der Dichtkunst, so wette ich, wird dieser Gegenstand nie aus
dem trocknen Begriff der Succession bestimmt werden können: _Kraft_ ist
der Mittelpunkt ihrer Sphäre.
Und dies ist die Kraft, die dem Innern der Worte anklebt, die
Zauberkraft, die auf meine Seele durch die Phantasie und Erinnerung
wirkt: sie ist das Wesen der Poesie. --Der Leser sieht, dass wir sind,
wo wir waren, dass nämlich die Poesie durch willkürliche Zeichen wirke;
dass in diesem Willkürlichen, in dem Sinne der Worte, ganz und gar die
Kraft der Poesie liege; nicht aber in der Folge der Töne und Worte, in
den Lauten, so fern sie natürliche Laute sind....
Public-domain text, read in full here on John Shaqi.
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