Am Tag der Hochzeit
Erscheint das Fräulein, ihre Anverwandten
Umgeben sie. Nun nahen auch die andern,
Bald ist der Hof von Gästen ganz gefüllt,
Begrüsst von Rudlieb mit dem Wilkommskuss. 5
Ein Mahl erwartet sie; als es geendet,
Begeben sich zunächst in ihre Zimmer
Die Damen mit dem Fräulein; ein’ge Ritter
Begleiten sie und tragen ihnen Kissen.
Zum Dank wird ihnen Wein gereicht. Der erste 10
Ergreift den Becher, trinkt und gibt ihn weiter,
Und so die Reihe um, bis dass ihn leer
Der Schenk zurückempfängt. Sie grüssen neigend
Und gehn zurück zu Rudlieb und den Herren.
Nun spricht der Ritter: “Weil euch Gott allhier 15
Versammelt hat, so hört mich an und helft,
Dass unter schon Verlobten eine Ehe
Geschlossen werde. Das soll heut geschehen,
Ihr aber seid bei dieser Handlung Zeugen.
Es hat sich so gefügt, dass dieser Jüngling, 20
Mein Neffe, und das Fräulein gegenseitig
In Liebe kamen, als sie Würfel spielten;[1]
Sie wollen nun das Ehebündnis schliessen.”
Die Herren sagen: “Alle müssen wir
Dazu verhelfen, dass der junge Mann, 25
Der so vortrefflich sonst, nicht Schande leide
Und ganz der Buhlerin[1] entrissen werde,
Die da verdient, den Feuertod zu leiden,
Und preisen Gott, dass in der Welt doch Eine
Sich fand, die jener Hexe Macht zerbrach.” 30
Da steht der Jüngling auf, sagt allen Dank
Für ihre Güte und bekennt in Reue,
Wie sehr sein früh’res Leben ihn geschändet:
“Ihr seht, wie nötig eine Frau mir ist;
Und hätten wir auch eine hier gefunden, 35
So will ich dennoch mich mit diesem Fräulein,
Verloben und verbinden; meine Bitte
Ergeht an euch, uns Zeugen jetzt zu sein,
Wenn wir, wie es der Brauch ist, Ehgeschenke,
Uns geben.” “Alle tun hierin dir Beistand,” 40
Erwidern jene. Und nun sendet Rudlieb
Nach den drei Frauen, die alsbald erscheinen;
Das Fräulein geht voran, gesenkten Hauptes;
Von seinem Sitz erhebt sich jeder höflich.
Nach kurzer Zeit, als alle Platz genommen, 45
Steht Rudlieb auf und bittet sich Gehör:
Den Freunden und den Stammgenossen kündet
Er das geschloss’ne Bündnis und die Liebe,
Die eins zum andern hat und fragt den Jüngling,
Ob er zur Frau sie wolle. Der bejaht. 50
Nun fragt man sie, ob sie zum Mann ihn wolle.
Sie lächelt: “Soll ich den zum Manne nehmen,
Den ich im Spiel als Sklaven mir gewann,
Den mir der Würfel brachte, der versprach
Allein mir zu gehören, ob er siege, 55
Ob er verliere? Mög’ er treu mir dienen
Zu jeder Zeit, in jedem Augenblick!
Je treuer, desto lieber ist er mir.”
Da lachen alle zu des Fräuleins Worten,
Die so behutsam sind und doch so freundlich. 60
Und da sie sehen, dass auch die Mutter nicht
Zuwider ist, und dass sich beider Gut
Die Wage hält, so kommt man überein,
Public-domain text, read in full here on John Shaqi.
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