Antiquus dierum,
Er wuchs mit den Jahren:
Der je über der Zeit war, 195
Vermehrte täglich seinen Wuchs;
So gedieh das edle Kind,
Gottes Geist war in ihm.
Als er dreissig Jahr alt war,
Von dem all diese Welt genas, 200
Da kam er zum Jordan;
Getauft ward er da,
Er wusch ab unsre Schuld,
Er selbst hat keine.
Den alten Namen legten wir da ab; 205
Von der Taufe wurden wir Gottes Kinder.
Sodann nach der Taufe
Zeigte sich die Gottheit.
Dies war das erste Zeichen:
Aus dem Wasser macht’ er Wein. 210
Dreien Toten gab er das Leben,
Von dem Blute heilt’ er ein Weib,
Die Krummen und die Lahmen,
Die machte er gerade.
Den Blinden gab er das Licht, 215
Für keine Belohnung sorgte er.
Er erlöste manchen Besessenen,
Den Teufel hiess er von dannen fahren.
Mit fünf Broten speiste er
Fünftausend und mehr, 220
Dass sie alle genug hatten;
Zwölf Körbe trug man davon.
Zu Fuss ging er über den Fluss,
Zu den Winden rief er “ruhet.”
Die gebundenen Zungen, 225
Die löste er den Stummen.
Ein wahrer Gottes Born,
Die heissen Fieber löschte er.
Krankheit floh von ihm,
Den Siechen hiess er aufstehn. 230
Mit seinem Bette fortgehn.
Er war Mensch und Gott;
Also süss ist sein Gebot.
Er lehrt’ uns Demut und Sitte,
Treue und Wahrheit dazu, 235
Dass wir uns treu benähmen,
Unsre Not ihm klagten;
Das lehrt’ uns der Gottessohn
Mit Worten und mit Werken.
Mit uns wandelte er 240
Dreiunddreissig Jahr
Undeinhalb, unsrer Not wegen.
Sehr gross ist seine Gewalt.
Seine Worte waren uns das Leben;
Für uns starb er seitdem, 245
Er ward nach eignem Willen
An das Kreuz gehangen.
Da hielten seine Hände
Die harten Nagelbande,
Galle und Essig war sein Trank; 250
Also erlöst’ uns der Heiland.
Von seiner Seite floss das Blut,
Von dem wir alle geheiligt.
Zwischen zwei Verbrechern
Hingen sie den Sohn Gottes. 255
Von Holz[1] entstand der Tod,
Von Holz fiel er, gottlob!
Der Teufel schnappte nach dem Fleisch,
Die Angel[2] war die Gottheit;
Nun ist es wohl ergangen, 260
Daran ward er gefangen.
[Notes:
1: The tree of knowledge in the Garden of Eden.
2: Christ’s body is conceived as the ‘bait,’ his divinity as the
‘hook,’ by which the devil is caught.]
+XII. HEINRICH VON MELK+
An Austrian nobleman of the 12th century who, after bitter experience
of the world’s ways, retired to the monastery of Melk (a few miles west
of Vienna), where he spent his closing years as lay brother. In his
_Erinnerung an den Tod_, a satirical poem of 1042 short lines in riming
(assonating) couplets, he inveighs against the worldly follies of the
knights, and in his _Priesterleben_ against the vices of the clergy.
The poems date from about 1160.
Public-domain text, read in full here on John Shaqi.
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