Er sprach: “Liebe Tochter, wenn er zur Abendstund’ 25
Dir immer singen wollte, ich gäb’ ihm tausend Pfund.
Doch sind so hochfährtig des fremden Landes Söhne,
Dass uns hier am Hofe nicht so leicht erklingen seine Töne.”
Was sie bitten mochte, der König blieb nicht mehr.
Nun fliss sich wieder Horand, dass er nie vorher 30
So wundersam gesungen; die Siechen und Gesunden
Konnten nicht vom Platze, wo sie da wie angewurzelt stunden.
Die Tier’ im Walde liessen ihre Weide stehn;
Die Würme, die da sollten in dem Grase gehn,
Die Fische, die da sollten in dem Wasser fliessen, 35
Verliessen ihre Fährte;
wohl durft’ ihn seiner Künste nicht verdriessen.
Was er da singen mochte, das däuchte niemand lang,
Verleidet in den Chören war aller Pfaffen Sang.
Auch die Glocken klangen nicht mehr so wohl als eh’;
Allen, die ihn hörten, war nach Horanden weh. 40
Da liess ihn zu sich bringen das schöne Mägdelein;
Ohn’ ihres Vaters Wissen, gar heimlich sollt’ es sein.
So blieb es ihrer Mutter, Frau Hilden, auch verhohlen,
Dass der Held so heimlich sich zu ihrem Kämmerlein gestohlen.
_From Adventure 15: The abduction of Gudrun by the Normans._
Ludwig und Hartmut drangen in das hohe Tor,
Viel todeswunde Streiter liessen sie davor.
Eine edle Jungfrau zu weinen drob begann;
Viel Schaden ward von Feinden in Hetels Burg getan.
Von Ormanie der König gewann da frohen Mut.
Seine Zeichen trugen er und die Helden gut 5
Bis an den Saal der Feste. Da liess man von den Zinnen
Die lichten Fahnen flattern; Weh traf die Königinnen.
Hartmut, der schnelle Degen, zur schönen Kudrun geht.
Er spricht: “Edle Jungfrau, Ihr habt mich stets verschmäht; 10
Drum werden wir’s verschmähen, ich und die Freunde mein,
Dass wir Gefangene machen. Man hängt sie, gross und klein.”
Nichts mehr gab sie zur Antwort als: “Wehe, Vater mein!
Könntest du es wissen, dass man die Tochter dein
Gewaltsam wagt zu führen hinweg aus deinem Lande, 15
Du spartest der Verlass’nen den Schaden und die Schande.”
Gern wüsst’ ich, was wäre den Fremden wohl geschehn,
Wenn der grimme Wate hätte zugesehn,
Wie Hartmut der kühne durch den Saal geschritten kam,
Und mit ihm König Ludwig Kudrun gefangen nahm. 20
Wate und auch Hetel hätten es ihm verwehrt
Und manchen Helm zerhauen mit ihrem guten Schwert,
Wär’s ihnen nur verraten! Man sähe nimmermehr
Geführt die schöne Kudrun gefangen übers Meer.
Es standen alle Leute in trübem Sinn und Mut; 25
Nicht anders wär’ es heute. Man nahm da Hab’ und Gut
Mit Raub den armen Bürgern und trug es fort zugleich.
Glaubt mir, es wurde jeder von Hartmuts Recken reich.
Public-domain text, read in full here on John Shaqi.
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